Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Sculptur
Person:
Burckhardt, Jacob
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1067806
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1070903
Martyrlen. 
Attribute. 
699 
den lässt, ist ohnediess auch durch Mässigung der Form ein besseres 
Werk. 
Höchst widrig ist denn die Vermischung dieses ekstatischen Aus- 
druckes mit einem je nach Umständen grässlichen körperlichen 
Leiden. Die grosse Lieblingsaufgabe, S. Sebastianfwelcher nackt 
und dennoch ein Heiliger ist, wurde jetzt vonPuget (Kirche Carig-a 
nano zu Genua, s. oben) in einer Weise gelöst, welche des rücksichts- 
losen Naturalismus jener Zeit ganz würdig war. Hatten bisher Maler 
und Bildhauer das körperliche Leiden des Heiligen entweder wegge- 
lassen (indem sie den bloss Gebundenen, noch nicht Durchschossenen 
abbildeten), oder doch würdig dargestellt, so windet sich hier S. Se- 
bastian wie ein WVurm vor Schmerzen. Das Stärkste aber bietet 
(ebenda) ein anderer Franzose, Claude David, in seinem S. Bartholo-b 
mäus; man sieht den nackten, bcjahrteil Athleten an einen Baumstamm 
gebunden, halb kniend, halb aufspringend mit schon halbgeschundener 
Brust; ein heranschwebender Engel zieht das hängende Stück Haut 
an sich und macht den Beschauer in nascweiser Art auf das Leiden 
des Heiligen aufmerksam. 
Also lauter sehnsüchtige Dcvotion und Passivität, mit Güte oder 
Gewalt in das Momentane und Dramatische übersetzt  diess ist der 
Inhalt der kirchlichen Einzelstatuen. Ein weiteres pikant gemeintes 
Interesse verlieh ihnen z. B. Bernini gern durch allzugrosse Bil- 
dun g im Verhältniss zur Kleinheit der Nische (die erwähnten Sta- c 
tuen im Dom von Siena); die Ausgleichung liegt in gebückter, son- 
derbar sprungbereiter Stellung u. dgl. Zu diesem gezwungen Momen- 
tanen, vermeintlich Drainatischen gehört ganz consequent auch die 
Bildung der Attribute in demselben Verhältniss zur wirklichen Grösse 
wie die Figuren. Das frühere Mittelalter hatte dem heil. Laurentius 
nur ein kleines Röstlein, der heil. Catharina ein Riidlein in die Hand 
gegeben; jetzt weiss man von einer solchen andeutendcn, symbolischen 
Darstellungsweise nichts mehr; da es sich um eine Situation handelt, 
an deren Gegenwärtigkeit der Beschaucr glauben soll, muss Lauren- 
tius einen mannslangen Rost, Catharina ein Wagenrad mitbekommen; 
soviel gehört nothwendig mit zur Illusion. 
Indess giebt es ein paar Heiligenfiguren, in welchen statt der so 
oft unechten Ekstase eine ruhige, sogar innig andächtige Stimmung
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.