Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Sculptur
Person:
Burckhardt, Jacob
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1067806
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1070853
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Barocksculptur. 
Behandlung des Nackten. 
Auch seine Behandlung der menschlichen Gestalt im all- 
gemeinen ist mit Recht verrufen, schon abgesehen von der Stellung. 
Jugendlichen und idealen Körpern gab er ein weiches Fett, das allen 
wahren Bau unsichtbar macht und durch glänzende Politur vollends 
awiderlich wird. Die Art, wie Plutois Finger in das Fleisch der Pro- 
serpina hineintauchen (Villa Ludovisi), ist auf jede andere Wirkung 
berechnet als auf die künstlerische. Seine Jugendarbeit, Apoll und 
bDaphne (Villa Borghese, oberer Saal) ist bei aller Charakterlosigkeit 
doch leidlicher, weil sie noch nicht üppig ist._ Spätere haben, dem 
Geschmack ihrer Besteller zu Liebe, nach dieser Richtung hin auf 
jede Weise rafünirt. 
Den heroischen und Charakterfiguren gab Bernini eine prahleri- 
 sehe Musculatur, die sich mit derjenigen Michelangelds zu wett- 
eifern anschickt, gleichwohl aber nicht den Ausdruck wahrer elasti- 
. scher Kraft hervorbringt, sondern aufgedunsenen Bälgen gleichsieht. 
Diess kömmt zum Theil wieder von der unglücklichen Politur her 
(Pluto, V. Lud.). Bei den nicht von ihm selbst ausgeführten Statuen 
c der grossen Stromgötter (Hauptbrunnen auf Piazza navona) hängt der 
so viel günstigere Eindruck offenbar mit der anspruchlosern Behand- 
lung der Oberflächen des Nackten zusammen. Und wo die Aufgabe 
dihm wahrhaft gemäss war, wie z. B. der Triton der Piazza Bar- 
berini, bei welchem jene üble Prätension auf Eleganz ohnediess weg- 
iiel, da genügt Bernini völlig. Er hat vielleicht überhaupt nichts Bes- 
seres geschaffen als diese halbburleske Decorationsiigur, welche mit 
Schale und Untersatz ein so prächtig belebtes Ganzes bildet. Wie 
so oft in der neuern italienischen Kunst Wirken gerade diejenigen 
Mittel im rein naturalistischen und komischen Gebiet vortreiflich, 
welche im idealen Alles verderben. 
Andere Bildhauer waren auch in der Muscnlatui- wahrer und na- 
turalistischer, in der Epidermis miirber, aber desshalb nicht viel erquick- 
licher. Eine grosse Schaustellung anatomischen Könnens ist z. B. 
ePugePs S. Sebastian in der S. Maria di Carignano zu Genua; der 
Heilige muss sich vor Qual kriimmen, damit der Künstler das Uner- 
hörte von Formen an ihm entwickeln könne. Freilich weit die mei- 
sten Berniuesken waren zu sehr blosse Decoratoren, um sich auf eine 
so ernstliche Virtuosität einzulassen.
        

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