Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Sculptur
Person:
Burckhardt, Jacob
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1067806
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1070642
Die mediceischen Grabmäler. 
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delte sich um die Gräber zweier ziemlich nichtswiirdigen mediccischen 
Sprösslinge, für welche Michelangelo am allerwenigsten sich begei- 
stern konnte. Unter den Nischen mit den sitzenden Statuen derselben 
brachte er die Sarcophage an und auf deren rund abschüssigen Deckel 
die weltberühmten Figuren des Tages und der Nacht (beiGiuliano 
Medici-Nernours), der Morgen- und der Abenddämmerung (bei Lorenzo 
Medici, Herzog von Urbino). Kein Mensch hat je ergründen können, 
was sie hier (abgesehen von ihrer künstlerischen Wirkung) bedeuten 
sollen, wenn man sich nicht mit der ganz blassen Allegorie auf das 
I-Iinschwinden der Zeit zufrieden geben Will. Vielleicht hätte Cle- 
mens VII als Besteller lieber ein paar trauernde Tugenden am Grab 
seiner Verwandten Wache halten lassen  der Künstler aber suchte 
geflissentlich das Allgemeinste und Neutralste auf. Wie dem sei, diese 
Allegorien sind nicht einmal bezeichnend gebildet, was denn auch, mit 
Ausnahme der Nacht, eine reine Unmöglichkeit gewesen Ware. Die 
Nacht ist wenigstens ein nacktes, schlafendes Weib; man darf abera 
fragen: ob wohl jemals ein Mensch in dieser Stellung habe schlafen kön- 
nen? sie und ihr Gefährte, der Tag, lehnen nämlich mit dem rechten 
Ellbogen über den linken Schenkel. Sie ist die ausgeführteste nackte 
weibliche Idealiigur I) ltliehelangelds; der 'l'ag, mit unvollenrletexn 
Kopf, kann vielleicht als sein vorziiglichstes Speeimen herculischer 
Bildung gelten. Als Motive aber sind gewiss die beiden Däm-b 
mcrungen edler und glücklicher, namentlich der Mann sehr schön 
und lebendig gewendet; das Weib (die sog. Aurora) ebenfalls mehr 
ungesucht grossartig als die Nacht, Wunderbar in den Linien, auch 
mit einem viel schöneru und lebendigem Kopf, der indess noch immer 
etwas Maskenhaftes behält. 
In diesen vier Statuen hat der Meister seine kühnsten Gedan- 
ken über Grenzen und Zweck seiner Kunst geoßenbart; er hat frei 
von allen sachlichen Beziehungen, nicht gebunden durch irgend eine 
von aussen verlangte Charakteristik, den Gegenstand und seine Aus- 
fiihrung geschaffen. Das plastische Princip, das ihn leitete, ist der 
bis auf das Äusserste durchgeführte Gegensatz der sich entsprechen- 
 Der Kopf, welcher 
geführt sein. 
B. Cicerone. 
tief unter dem 
Übrigen steht, kann kaum von M. 
GUS- 
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