Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Sculptur
Person:
Burckhardt, Jacob
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1067806
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1070596
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Sculptur des XVI. Jahrhunderts. 
Michelangelo. 
Sache und das Auge mit innigstem Wohlgefallen erfüllt, lange ehe 
man nur an die Mittel denkt, durch Welche er sein Ziel erreicht hat. 
Aber die ungeheure Gestaltungskraft, welche in Michelangelo wal- 
tete, giebt selbst seinen gesuchtesten und unwahrsten Schöpfungen 
einen ewigen Werth. Seine Darstellungstnittel gehören alle dem höch- 
sten Gebiet der Kunst an; da sucht man vergebens nach einzelnem 
Niedlichem und Liebliehem, nach seelenruhiger Eleganz und buhleri- 
schem Reiz; er giebt eine grandiose Fliichenbehandlung als Detail und 
grosse plastische Contraste, gewaltige Bewegungen als Motive. Seine 
Gestalten kosten ihn einen viel zu heftigen innern Kampf, als dass er 
damit gegen den Beschauer gefällig erscheinen möchte. 
Damit hängt denn auch ihre unfertige Beschaifenheit eng zusam- 
men. Er arbeitete gewiss selten ein Thonmodell von derjenigen Grösse 
aus, welche das Marmorwerk haben sollte; der sog. Puntensetzer be- 
kam bei ihm wenig zu thun; eigenhändig, im ersten Eifer, hieb er 
selbst das Werk aus dem Rohen. Mehrmals hat er sich dabei noto- 
risch nverhauen", oder der Marmor zeigte Fehler und er liess dess- 
halb die Arbeit unfertig liegen. Oft aber blieb sie auch wohl unvollendet, 
weil jener innere Kampf zu Ende war und das Werk kein Interesse 
mehr für den Künstler hatte. (Ob etwa auch ein Trotz gegen miss- 
liebige Besteller mit unterlief, ist im einzelnen Falle schwer zu sagen.) 
Wer nun von der Kunst vor Allem das sinnlich Schöne verlangt, 
den wird dieser Prometheus mit seinen aus der Traumwelt der (oft 
äussersten) Möglichkeiten gegriifenen Gestalten nie zufrieden stellen. 
Eine holde Jugend, ein süsser Liebreiz konnte gar nicht das aus- 
drücken helfen, was er ausdrücken wollte. Seine Ideale der Form 
können nie die unsrigen werden; wer möchte z. B. bei seinen meisten 
weiblichen Figuren wünschen, dass sie lebendig würden? (Die Aus- 
nahmen, wie z. B. die Delphica in der sixtin. Capelle, gehören frei- 
lich zum Herrlichsten.) Gewisse Theile und Verhältnisse bildet er 
fast durchgängig nicht normal (die Länge des Oberleibes, der Hals, 
die Stirn und die Augenknochen, das Kinn etc), andere fast durch- 
gängig herculisch (Nacken und Schultern). Das Befremdliche liegt 
also nicht bloss in der Stellung, sondern auch in der Bildung selbst. 
Der Beschauer darf und soll es ausscheiden von dem echt Gevsialtigen. 

        

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