Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Sculptur
Person:
Burckhardt, Jacob
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1067806
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1070589
Michelangelo. 
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sonst iibrig blieb, waren Grabmäler, deren Allegorien das einzige 
ganz freie Element der damaligen Sculptur heissen konnten. Denn 
grosse Sculpturwerke mythologischen Inhalts waren noch ein seltener 
Luxus, der ausserhalb Florenz einstweilen kaum vorkam.   
Michelangelo aber war stärker als je ein Künstler von dem Drange 
bewegt, alle irgend denkbaren und mit den höhern Stylgesetzen ver- 
einbaren Momente der lebendigen, vorzüglich der nackten Menschenge- 
stalt aus sich heraus zu schaffen. Er ist in dieser Beziehung das ge- 
rade Gegentheil der Alten, welche ihre Motive langsam reiften und ein 
halbes Jahrtausend hindurch nachbildeten; er sucht stets neue Mög- 
lichkeiten zu erschöpfen und kann desshalb der moderne Künstler in 
vorzugsweisem Sinne heissen. Seine Phantasie ist nicht gehütet und 
eingeschränkt durch einen altehrwürdigen Mythus; seine wenigen bibli- 
schen Figuren gestaltet er rein nach künstlicher Inspiration und seine 
Allegorien erfindet er mit erstaunlicher Keekheit. Das Lebensmotiv, 
das ihn beschäftigt, hat oft mit dem geschichtlichen Charakter, den 
es beseelen soll, gar keine innere Berührung  selbst in den Pro- 
pheten und Sibyllen der Sistina nicht immer. 
Und welcher Art ist das Leben, das er darstellt? Es sind in ihm 
zwei streitende Geister; der eine möchte durch restlose anatomische 
Studien alle Ursachen und Äusserungen der menschlichen Form und 
Bewegung ergründen und der Statue die vollkommenste Wirklichkeit 
verleihen; der andere aber sucht das Überrnenschliche auf und findet 
es  nicht mehr in einem reinen und erhabenen Ausdruck des Ko- 
pfes und der Geberde, wie einzelne frühere Künstler  sondern in 
befremdlichen Stellungen und Bewegungen und in einer partiellen Aus- 
bildung gewisser Körperformen in das Gewaltige. Manche seiner Ge- 
stalten geben auf den ersten Eindruck nicht ein erhöhtes Menschliches, 
sondern ein gedämpftes Ungeheures. Bei näherer Betrachtung sinkt 
aber dieses Übernatürliche oft nur zum Unwahrscheinlichen und Bi- 
zarren zusammen. 
Sonach wird den Werken Michelangelds äplrehgängig eine Vor- 
bedingung jedes erquickenden Eindrucks fehlen: die Unabsiehtlichkeit. 
Überall präsentirt sich das Motiv als solches, nicht als passend- 
ster Ausdruck eines gegebenen Inhaltes. Letzteres ist vorzugsweise 
der Fall bei Rafael, der den Sinn mit dem höchsten Interesse an der
        

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