Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Sculptur
Person:
Burckhardt, Jacob
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1067806
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1068107
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Gesammtbilde allerdings, dessen Anblick die Griechen zur Bedingung 
jedes glücklichen Lebens machten, von dem olympischen Zeus des 
Phidias, sind uns nur kümmerliehe Reminiscenzen erhalten. Eine solche 
erkennt man z. B. in dem colossalen Jupiter aus dem Hause Verospi 
(Vatican, am Ende der Biistenzimmer) , welcher mit nacktem Ober-a 
leib, den Donnerkeil in der Rechten (statt der Siegesgö ttin bei Phi- 
dias) und den Seeptei- in der Linken thront. Von dem Haupte des 
Zeus aber, wie es der Meister gebildet, ist glücklicher Weise ein 
ziemlich nahes Abbild auf unsere Zeit gerettet in der berühmten 
Büste von Otrieoli (Vaticau, Sala rotonda). Hier erkennt manz. 
jenen Ausdruck wieder: nfriedliclrund ganz mild", das erhabene Haupt 
in Gnade und Erliörung geneigt mit leisem Lächeln. Von den Locken 
war genug vorhanden, um das Fehlende (auch das ganze Hinter- 
haupt) trefflich zu restauriren. Die Zügc sind in der That keines 
Menschen Züge; vielmehr erscheinen diejenigen Elemente des Ant- 
litzes, welche zu bestimmten Zwecken des Ausdruckes dienen, nach 
höhern Gesetzen verändert und hervorgehoben. So dient die Ver- 
dichtung in der Mitte des Stirnknochens (oder der Stirnhaut) dazu, 
das gewaltigste Wollen und zugleich die höchste Weisheit anzudeuten. 
Die Augen, von ganz wunderbarem Bau, liegen tief und treten doch 
hervor; die Nase (etwas restaurirt) bildet mit der Stirn nicht einen 
einwürts, sondern einen leise auswärts tretenden Winkel, worin die Lei- 
dcnsehaftslosigkeit ausgedrückt liegt. (Dieses anscheinendc Paradoxon 
kann hier nicht entwickelt werden; ich verweise nur auf den griechi- 
schen Kunstgebrauch des Gegentheils, der Stülpnase, z. B. bei den 
Barbaren und den Satyrn, wozu beim Silen noch die aufwärts her- 
vortretende Stirn kömmt.) Die Lippen endlich (leider auch nicht ganz 
alt) vereinigen Süssigkeit und llIajest-iit in einem Grade, wie kein ir- 
discher Mund.  An diesem Haupt sind nun Locken mid Bart von 
höherer Bedeutung als an irgend einem andern. In ihnen wallt und 
strömt gleichsam eine überschüssige göttliche Kraft aufwärts und ab- 
WäTtS- Die Stirnlocken namentlich sind hei mehrern göttlichen Ge- 
staltcn wie ein Sinnbild geistiger Flammen. Dieser Zeus wäre mit 
glatten oder kurzen Haaren nicht mehr Zeus, wie Apoll ohne seinen 
Krobylos (Lockcnbund über der Stirn) nicht mehr Apoll v-rilre.
        

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