Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Sculptur
Person:
Burckhardt, Jacob
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1067806
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1069590
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Germanische Sculptur. 
Giov. Pisano. 
von Propheten und Engeln, diese Apostelgestalten für die gegebe- 
nen Räume geistvoller zu componiren. 
a Keine andere Schöpfung bezeichnet aber die Sinnesweise Gic- 
vannfs deutlicher als die Kanzel in S. Andrea zu Pistoja (1301), 
ein kleines Werk, doch überquellend von geistigem Reiehthum, der 
die formale Überladung vergessen lässt. In den Reliefs ist die Klage 
der Mütter von Bethlehem, die Gruppe der Frauen unter dem Kreuz_ 
in ihrer Art unvergleichlich; von den Eckstatuetten geben die Si- 
byllen, tief erregt von den Einflüsterungen der sie begleitenden Engel, 
das Höhenmass des Ausdruckes, welcher dem grossen Meister zu Ge- 
bot-e stand. Die anatomische Schärfe des Nackten zeigt allerdings 
u. A., dass sein Ziel ein einseitiges war.  Immerhin möchte diese 
Kanzel sein reifstes Werk und z. B. derjenigen im Dom von Siena, 
Welche ähnliche Motive unsicherer durchführt, Weit vorzuziehen sein. 
Es folgt das schon bei den Decorationsarbeiten erwähnte Grab- 
hmal Benedicts XI. (i- 1304) in S. Domenico zu Perugia, mit der 
edeln liegenden Statue des Verstorbenen; auch die den Vorhang 
ziehenden Engel in ihrem lebendigen Sehreiten sind vortrefflich; die 
obern Statnetten schon mehr conventionell. 
c Das letzte grössere Werk (1311), die Kanzel im Dom von Pisa, 
wurde später auseinandergenommen; die einzigen sichtbaren Stücke 
findet man eingemauert theils noch an der Kanzel selbst (man beachte 
auch die beiden Löwen), theils auf einer der obern Galerien des Do- 
dmes. (Die sechs Reliefs über den Thronen im Chor, von Welchen 
man die beiden mittlern für GiovannPs Werk halten könnte, sind von 
spätem Künstlern der Schule.) Ein Übergang in das Gesuchte und 
Manierirte ist hier im Ganzen nicht zu verkennen; die Ecküguren 
haben schon etwas gewaltsam Interessantes, worin auch die kenntliche 
Verwandtschaft GiovannPs mit Michelangelo liegt. 
Noch in seiner Blüthezeit aber hat Giovanni in der Madonna 
ezwischen zwei Engeln (Lunette der zweiten Siidthiir am Dom von 
Florenz) den Typus der Himmelskönigin so festgestellt, wie er von 
der ganzen Sculptur des germanischen Styles reproducirt werden konnte. 
Es ist eine schöne und reiche Bildung, eine Fürstin, grandios einfach- 
gehalten, aber ohne irgend einen besondern Zug sclnvarmerischer In- 
nigkeit. Sonst geht Giovanni, auch wo er ruhig bleibt, nicht auf
        

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