Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Architectur
Person:
Burckhardt, Jacob
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1071116
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1071593
Korinthische und Composita-Ordnung. 
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sich mächtig gerollte Voluten entwickeln; diese, je zwei sich anein- 
ander drängend, bilden die weit vorspringenden vier Ecken des Ca- 
pitäls. Ihnen folgt die ausgeschwuxigene Deckplatte, deren einwiirts- 
gehende Rundungen in der Mitte durch eine Blume unterbrochen sind. 
Wer an den bessern römischen Bauten ein wohlerhaltenes Oapitäl 
mit der nöthigen Geduld verfolgt, wird über die Fülle idealen Lebens 
erstaunen, die sich darin ausdrückt. Der Akanthus ist wohl ursprüng- 
lich die bekannte Pflanze Bärenklau; man ptlücke sich aber, z. B. auf 
den Wiesenhöhen der Villa Pamiili, ein Blatt derselben, und überzeuge 
sich bei der Vergleichung mit dem architektonischen Akanthus, welch 
ein Genius dazu gehörte, um das Blatt so umzugestalten. In einem 
neuen, plastischen Stoff gedacht, gewinnt es eine Spannkraft und Bieg- 
samkeit, einen Reichthum der Umrisse und der Modellirung, wovon 
im grünen Biirenklau nur die halbversteckten Elemente liegen. Die 
Art, wie die Blätter über- und. nebeneinander folgen, ist ebenfalls der 
Bewunderung werth, und so auch ihre höchste und letzte Steigerung 
in Gestalt der Eckvoluten; diese, als (scheinbarer) Hauptausdruck der 
Kraft, sind mit Recht freier, d. h. weniger vegetabilisch gebildet, haben 
aber ein Akanthusblatt, das mit ihnen aus dem gleichen Stengel spriesst, 
zur" Unterlage und Erklärung mit sich. Und jeder einzelne Thcil die- 
ses so elastisch sprechenden Ganzen hebt sich wieder klar und deut- 
lich von den übrigen ab; reiche Unterhöhlungen, durch Welche der 
Kelch als Kern des Capitäles sichtbar wird, geben zugleich dem Blatt- 
werk jene tiefen Schatten zur Grundlage, durch welche es erst völlig 
lebendig wirkt, 
Eine blosse Spielart des korinthischen ist das sog. Compcsita- 
ca pit iil, erweislich zuerst an dem Titusbogcn angewandt. (Der Dru- 
susbogen bei Porta S. Sebastiano inRom ist wahrscheinlich falsch be- 
nannt; sonst wäre er ein noch älteres Beispiel). Die Mischung aus den 
zwei untern Blattreihen des korinthischen Capitiils und einem darüber- 
gesetzten unecht ionischen mit vier Eckvoluten (demselben etwa, Wel- 
ches oben, in der Anmerkung zu Seite 8 beschrieben wurde) ist eine 
unschöne, mechanische. Es liesse sich schwer begreifen, wie man 89' 
rade den glänzend lebendigen obern Theil des korinthischen Capitiils 
Opfern mochte, wenn die Mode nicht stärker wäre als Alles-
        

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