Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Architectur
Person:
Burckhardt, Jacob
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1071116
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1071524
Architektur. 
Tempel von Pästum. 
Den ältesten griechischen Tempeln wie z. B.: demjenigen von Ocha. 
auf Euböa, genügte ein Bau von vier Steinmauern. Als aber eine 
griechische Kunst erwachte, schuf sie die ringsum gehende Säulenhalle 
mit dem Gebälk, zuerst vielleicht von Holz, bald von Stein. Diese 
Halle ist, abgesehen von ihren besondern Zwecken, nichts als ein idea- 
ler, lebendig gewordener Ausdruck der Mauer selbst. In wunderbarer 
Ausgleichung wirken strebende Kräfte und getragene Lasten zu einem 
organischen Ganzen zusammen. 
Was das Auge hier und an andern griechischen Bauten erblickt, 
sind eben keine blossen Steine, sondern lebende Wesen. Wir müssen 
ihrem innern Leben und ihrer Entwicklung aufmerksam nachgehen. 
Die dorische Ordnung, welche wir hier in ihrer vollen alterthüm- 
liehen Strenge an einem Gebäude des VI. Jahrhunderts v. Chr. vor 
uns haben, lässt diese Entwicklung reiner und vollständiger erkennen 
als ihre jüngere Schwester, die ionische. 
Der Ausdruck der dorischen Säule musste hier, dem gewaltigen 
Gebälke gemäss, derjenige der grössten Tragekraft sein. Man konnte 
möglichst dicke Pfeiler oder Cylinder hinstellen, allein der Grieche 
pflegte nicht durch Massen, sondern durch ideale Behandlung der For- 
men zu wirken. Seine dorisehe Ordnung aber ist eine der höchsten 
Hervorbriilgungcn des menschlichen Formgefühls. 
Das erste Mittel, welches hier in Betracht kam, war die Verjün- 
gung der Säule nach oben. Sie giebt dem Auge die Sicherheit, dass 
die Säule nicht umstürzen könne. Das zweite waren die Cannelirim- 
gen. Sie deuten an, dass die Säule sich innerlich verdichte und ver- 
härte, gleichsam ihre ICraft zusammennehme; zugleich verstärken sie 
den Ausdruck des Strebens nach oben. Die Linien aber sind wie im 
ganzen Bau nirgends, so auch in der Säule nicht mathematisch hart; 
vielmehr giebt eine leise Ansehwellung das innere schaffende Leben 
derselben auf das Schönste zu erkennen. 
So bewegt und beseelt nähert sich die Säule dem Gebälk. Der 
mächtige Druck desselben drängt ihr oberes Ende auseinander zu einem 
Wulst (Echinus) , welches hier das Capitäl bildet. Sein Profil ist in 
jedem dorisehen Tempel der wichtigste Kraftmesser, der Grundton des 
Ganzen. Nach unten zu ist er umgeben von drei Rinnen, gleich als 
verschöbe sich hier eine zarte, lockere Oberhaut der Säule. Ihnen ent-
        

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