Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Architectur
Person:
Burckhardt, Jacob
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1071116
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1073195
Ihre Eigenschaften und Epochen. 
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Die Renaissance hatte schon lange gleichsam vor der 'I'hiir ge- 
wartet; in den romanischen Bauten 'l'oscana's aus dem XII. und XIII. 
Jahrhundert zeigt sich bisweilen eine fast rein antike Detailbilduilg. 
Dann war der aus dem Norden eingeführte gothische Styl dazwischen 
gekommen, scheinbar allerdings eine Störung, aber verbunden mit dem 
Pfeiler- und Gewölbebau im Grossen und daher eine unvergleichliche 
Schule in mechanischer Beziehung. WVährend man, so zu sagen, unter 
dem Vorwand des Spitzbogens die schwierigsten Probleme bewältigen 
lernte, entwickelte sich, wie oben erläutert wurde (S. 125 E), das eigen- 
thümlieh italienische Gefiihl für Räume, Linien und Verhältnisse, und 
dieses war die Erbschaft, welche die Renaissance" übernahm. Sie 
wusste dieselbe gar wohl zu würdigen und Michelangelo hat nicht 
vergebens S. Maria novella „seine Braut" genannt. 
Für das XV. Jahrhundert kommt noch eine besondere Richtung 
des damaligen Formgeistes in Betracht. Der phantastische Zug, der 
durch diese Zeit geht, drückt sich in der ganzen Kunst durch eine oft 
übermiissige Verzierungslust aus, Welche bisweilen auch in der Ar- 
chitektur die wichtigsten Riieksichten zum Schweigen bringt und 
scheinbar der ganzen Epoche einen wesentlich decorativen Charakter 
giebt. Allein die bessern Künstler liessen sich davon im Wesentlichen 
nicht übermeistern; und dann hat auch diese Verzierlmgslust selber 
nach Kräften eine gesetzmiissige Schönheit erstrebt; sie hat fast hun- 
dcrt Jahre gedauert ohne zu verwildern, und ihre Arbeiten erreichen 
gerade um das Jahr 1500 ihre reinste Vollendung. 
Wir können zwei Perioden der eigentlichen Renaissance trennen. 
Die erste reicht etwa von 1420 bis 1500 und kann als die Zeit des 
Suchens charakterisirt werden. Die zweite möchte das Jahr 1540 
kaum erreichen; esist die goldene Zeit der modernen Architektur, 
welche in den grössten Aufgaben eine bestimmte Harmonie zwischen 
den Ilauptformen und der in ihre Grenzen gewiesenen Decoration er- 
reicht.  Von 1540 an beginnen schon die ersten Vorzeichen des 
Barockstyls, welcher sich einseitig an die Massen und Verhältnisse 
hiilt und das Detail willkürlich als äussern Scheinorganismus behan- 
delt. Auch die allerhöchste Begabung, in einem Michelangelo, Palla- 
dio, Vignola, Alessi, Richixli, Bernini, hat nicht hingereicht, um etwas
        

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