Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Architectur
Person:
Burckhardt, Jacob
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1071116
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1072763
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Gothische Architektur. 
räumigen dagegen, welches die Italiener bezweckten, ist die Horizon- 
tale; während sie im Norden nur als überwunden angedeutet wird, 
tritt sie hier als herrschend auf. Natürlich ergeben sich hiebei oft 
schreiende Widersprüche mit dem auf das Steile und Hohe berechne- 
ten Detail, und diejenige Kirche, die von dem letztern am wenigsten 
an sich hat, wird auch am wenigsten Störendes haben.  Genau be- 
sehen möchte die grosse Neuerung, die aus dem Norden kam, wesent- 
lich ganz anderswo liegen als in der Behandlung der Formen. Nach- 
dem schon lange in der Lombardie der gegliederte Pfeilerbau in der 
Art der romanischen Baukunst des Nordens ausgeübt worden war, 
drang er jetzt (XIII. Jahrhundert) erst recht über den Apennin. Die 
Säulenbasilica Wich endlich auch in Mittelitalien, nicht vor dem ästhe- 
tischen, sondern vor dem mechanisch-constructiven Ruhm der nordi- 
schen, jezt ins Gothische oder Germanische umgebildeten Bauweise. 
Die Wölbung im Grossen, bisher den Kuppeln und Nischen vorbe- 
halten, dehnt sich jetzt erst über das ganze Gebäude aus und zwar 
sogleich in einem andern Sinn als im Norden, zu Gunsten der Weit- 
räumigkeit, die dann bald zur Schönräumigkeit wird. 
Ist es ohne Lästeruug erlaubt, etwas zu Ungunsten des herrlichen 
germanischen Styles zu sagen und den Italienern in irgend einem Punkte 
dieser Frage ein grösseres Recht zuzugestehen?  so möchte ich zu 
bedenken geben, ob an den nordischen Bauten nicht des organischen 
Gerüstwesens zu viel sei, und ob nicht wegen der imgeheuern Kosten, 
die dasselbe nach sich zieht, manche Oathedrale unvollendet geblieben. 
Man wird z. B. an vielen italienischen Bauten dieses Styles vielleicht 
mit Befremden die Strebepfeiler, die im Norden so weit vertreten, 
kaum als Wandbänder angedeutet finden, die denn natürlich keines 
Abschlusses durch Spitzthürmchen laedürfen; der Grund ist einleuch- 
tend: ihre nordische Ausbildung hatte das constructive Bedürfniss eines 
Widerlagers für die Gewölbe unendlich überschritten und wurde daher 
im Süden als Luxus beseitigt. Die nordische Gothik hatte ferner den 
Thurm zum Führer, zum Hauptausdruck des Baues gemacht und die 
ganze Kirche mehr oder weniger nach seinem Vorbilde stylisirt;  
die Italiener fanden dieses Verhältniss weder nothwendig noch natürlich 
und stellten ihre Thürme fortwährend getrennt oder in anspruchloser 
Verbindung mit der Kirche auf; den ursprünglichen Zweck der Thürmc,
        

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