Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
F - L
Person:
Müller, Friedrich Klunzinger, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1051288
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1053873
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Giotto. 
sind als von ihm herrührend zu betrachten. Composition und plastischer Styl er- 
regen indessen hier ein geringeres Interesse als der Inhalt, welcher eine Art von 
Encyclopädie alles profanen und heiligen Thuns der Menschen zu geben sucht. An 
der Faeade des Doms stellte er in den Haupteingang in vier Nischen die Kolossal- 
Statuen der vier Evangelisten; über demselben brachte er die Madonna mit dem 
Kinde, umgeben von dem heil. Zenobius und der heil. Reparata, in einer reichver- 
zierten Kapelle an. In einer zweiten Kapelle über der kleineren Thüre zur Linken 
sah man die Geburt des Heilandes, in einer dritten über der zur Rechten den Tod der 
Maria. Zwischen und über den Thüren standen in einzelnen Nischen die Propheten 
des alten Bundes, die Apostel und die Kirchenlehrer. Dann erhoben sich zwischen 
Säulen und bunten mit schönen Reliefs gezierten Marmorfeldern Reihen von Loggien 
und Nischen, in denen Päpste und Fürsten, Helden und Dichter, die sich um das 
Wohl des allgemeinen Lebens überhaupt, oder speziell um das der Republik verdient 
gemacht, thronten und auf das Volk herabschauten. 
Auch als Dichter lernen wir Giotto kennen. Wir besitzen von ihm eine Can- 
zone (mitget-heilt_ in Rumohfs Jtalienischen Forschungen"), die uns den Künstler 
als einen Dichter zeigt, der seine poetischen Gedanken auch in der Sprache klar 
und wohl auszudrücken verstand. 
Giotto stand in einem intimen Freundschaftsverhältniss zu Dante, den er zum 
öfteren malte, während dieser den Freund in seinem berühmten Gedichte in jener 
bekannten Strophe verherrlichte: 
Credette Cimabue nella pittura 
Teuer lo campo, ed ora ha Giotto il grido, 
Si che la fama. di colui e oscura. 
Es meinte Cimabue vordem im Malen 
Das Feld zu halten, doch jetzt preisst man Giotto, 
Also dass Jenes Ruhm versinkt in Dunkel. 
Ueberhaupt muss Giotto mit seinem hellen, klaren, frischen, besonnenen Blick in's 
Leben, mit seinem aufgeweckten Kopfe und seinem treffenden Witz, neben Seiner 
Leichtigkeit, Fruchtbarkeit, Vielseitigkeit und fast beispiellosen Thätigkeit als 
Künstler eine hinreissende Persönlichkeit besessen haben, die fast alle Talente eines 
grossen Landes so an sich zu ziehen wusste, dass es gewissermassen zu seiner Zeit 
nur eine einzige Schule in ganz Italien gab. Ja, vergegenwärtigen wir uns, was 
Giotto alles in Neapel, Rom, Assisi, Florenz, Padua, Avignon geleistet, bedenken 
wir, dass er als der erste Meister der neuen Kunst das Reich des Geistes überhaupt 
bedeutend erweiterte, so dürfen wir nicht anstehen, ihm einen Ehrenplatz in der 
Geschichte der Menschheit überhaupt einzuräumen, und so übertrieben auch im 
Ganzen seine von Poliziano verfasste _Grabschrift im Dom von Florenz sein mag, das 
eine daraus ist wahr geblieben: 
   quid opus fuit illa referre? 
Hoc nomeu lougi carminis instur erit. 
   Wozu seine Werke nennen? 
Sein Namen wird ewig so viel sein als ein langes Gedicht. 
Ausser den bereits genannten Werken Giotto's führt man wenige andere Ge- 
mälde als Werke Giottds an. Das Berliner Museum besitzt die zwei (oben erwähn- 
ten) iiir S. Croce gemalten Bilder: Maria, welche das bekleidete Christuskind, das 
die Rechte der Mutter fasst, auf dem Arme hält, und die Ausgiessung des heil. Geistes 
auf die Apostel und Maria. Im Louvre zu Paris hält, man einen heil. Franciscus, der 
die Wundenmale empfängt, mit einer Predella, auf welcher man drei Vorgänge aus 
dem Leben dieses Heiligen dargestellt sieht, für das oben genannte für Pisa, gemalte 
Bild; iVaagen iindet es aber viel zu roh für den Meister und will es nur als ein 
schwaches Schulbild nach seinem Motiv gelten lassen. Die Gemäldesammlung des 
Dichters Rogers zu London verwahrt dagegen von Gißtt-O die halben Figuren des 
Paulus und Johannes, Fragmente einer Frescomalerei aus der Karmeliterkirche Z1! 
Flüfelll- Ebenso ist die Liverpool-Institution im Besitz Zweier Bilder des Meisters- 
Das eine stellt drei Frauen mit Johannes, dem Täufer, als Kind, ein ächtes, Sehr 
interessantes Gemälde (gest. v. Patsch), das andere, die Tochter der Herodias,
        

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