Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
F - L
Person:
Müller, Friedrich Klunzinger, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1051288
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1053851
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Giotto. 
war Giotto berufen. Sein Hauptverdienst besteht also darin, dass er die bildende 
Kunst als ein Mittel erkannte, selbstständige Gedanken und Dichtungen auszu- 
drücken, dass er die Charaktere und Thatsachen ganz neu auffasste, dass er dadurch 
den Kreis des Darzustellenden beträchtlich erweiterte, dass er sich dabei statt der 
herkömmlichen, von der Kirche geheiligten, gewissermassen liturgischen Formen 
einer eigenen freien, durch frische Naturanschauung gebildeten, jedoch vorherrschend 
idealen Ausdrucksweise bediente. In der Intention ist er nicht heiliger, erhabener 
als die Byzantiner auch waren, die ja durchaus bestrebt waren, in ihren Nlumien- 
gestalten das Uebersinnliche und Ewige auszusprechen. Allein er bringt diese 
Intention dem Beschauer unendlich näher, indem er sie mit einem durchaus neu- 
geschaffenen, lebendigen Ausdruck bekleidet. Schon in seinen Einzelngestalten 
genügt jetzt nicht mehr symmetrische Stellung, Attribut u. s. w.; der hohe Charakter 
des Darzustellenden drückt sich in der lebensvollen und würdigen Wendung der 
Gestalt und des Hauptes , in den bedeutenden Gesichtszügen, in der freien und doch 
so feierlich wallenden Gewandung, in neuen überraschenden Gedanken aus. Diese 
Richtung wurde wesentlich begünstigt und gefördert durch die "Einführung von Dar- 
stellungen aus dem Leben der Heiligen in die Kunst, insbesondere des heil. Franz, 
der noch im frischesten Andenken stand, wodurch die älteren Vorstellungen aus der 
Kunstübung verdrängt wurden; fand in dem Einfluss, welchen Dante's göttliche 
Comödie, jenes grosse symbolische Gedicht, mit seiner in den grossartigsten Ziigen 
ausgesprochenen allegorischen Anschauungsweise auf die damalige Menschheit aus- 
geübt, immer weitere Nahrung. Indem Giotto nun so das Gebiet des Darzustellenden 
erweiterte, wurde er üir die Malerei und Bildnerei Italiens das, was Dante für die 
Poesie war. Beide befreundete Zeitgenossen ähneln sich auch in der Gedankenfülle, 
im tiefen Ernste und in der grossartigen Energie ihrer Schöpfungen. Derselbe Geist, 
der in Dante's Werken herrscht, weht auch durch Giotto's grosse symbolisch alle- 
gorischen Darstellungen, von denen jener mehrere selbst inspirirt haben soll. 
Im Verfolge dieses seines Strebens suchte nun Giotto mit der ganzen Regsam- 
keit und Rüstigkeit seines Geistes, mit lebendig bewusstem Sinn auf das Leben in 
seinen mannigfach wechselnden Erscheinungen einzugehen, aber zugleich das Ver- 
hältniss des Irdischen zum Geistigen, des sinnlichen Daseins zum Uebermenschlichen, 
dem Gebiet ahnungsvoller Sehnsucht Angehörigen in reichen dichterischen und alle- 
gorischen Darstellungen auszusprechen, wozu ihm die der italienisch germanischen 
Architektur eigenen grossen Wandliächen ein höchst geeignetes Feld boten. So 
zeigen z. B. die bereits erwähnten sieben Sakramente in der Incoronata zu Neapel, 
indem sie das gesammte Leben des Menschen in seinen freudenreichsten und schmerz- 
vollsten Momenten zusammenfassen, zugleich den steten Bezug desselben auf ein 
gnadenreiches Wesen und diejenigen Mittel, welche die Kirche dem Menschen höheres 
zur Weihe des irdischen Daseins und zur Reinigung von der Sünde gegeben hat So 
tritt er in Seinen geschichtlichen Fresken aus dem Leben der heil. Jungfrau in 
S. Maria dell' Arena zu Padua, wie in jenen allegorischen Malereien als grossartiger 
Neuerer auf, wenn er Momente aus der heil. Geschichte geradezu zum erstenmale 
darstellt, oder sie in einer ganz neuen Sinnesweise auffasst, indem 61' die Vorgänge 
mit_ zahlreichen Nebenfiguren umgibt und sie in das Costüm der Zeit kleidet, sie 
damit der Wirklichkeit und dem Verständniss näher rückt. Aber diese Erweiterung 
und Ausdehnung der Scenerie allein würde die Kunst wenig gefördert haben, wenn 
sie nicht, wie bereits angedeutet, gepaart gewesen wäre mit der mächtigsten Be- 
gabung für das Wesentliche aller Historienmalerei, für das Auffinden der höheren 
geistigen Bezüge, für das Lebendigorganische im Ganzen, wie im Einzelnen, für 
die Intuition des Geschehens. Hierin ist Giotto Begründer und Vollender zugleich- 
Ein ganzer Strom von Erfindung und Neuschöpfung ging von ihm aus, so dass man 
wohl von ihm sagen kann, kein anderer Maler habe seine Kunst so gänzlich umge- 
staltet und neu orientirt hinterlassen, wie er. 
Seine Bilder sind insgesammt reich an poetischen Beziehungen , hervorgegangen 
aus unmittelbarer gesunder und frischer Anschauung des Gegenstandes, klar in der
        

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