Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
A - E
Person:
Müller, Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1040427
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1046585
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Eyck, Hubrecht und Jan van. 
Sorgfalt, mit welcher die höchsten Momente der christlichen Geschichte zur unmittel- 
baren Anschauung zu bringen gesucht wurden, stellte man alle Einzelheiten der 
Natur bis auf den Kiesel am Boden dar. Ja, selbst die Heiligen, denen diese der 
Wirklichkeit, diese oft der nächsten Umgebung entnommene Welt,  flandrische 
Gegenden, Tempel oder Zimmer mit niederländischem Hausrath,  zum Schauplatz 
ihrer Thätigkeit angewiesen worden, legten allmälig den Schein höherer Existenz, 
den ihnen die Vorstellung von ihrer allgemeinen Bedeutung gegeben, ab, und er- 
schienen in mehr oder minder individuellen, rein menschlichen Beziehungen, so dass 
die Wundergeschichten heiliger Ueberlieferung in der That vor aller Augen vor sich 
zu gehen schienen. Nur diejenigen Gestalten, deren Ansprüche auf überirdische 
Erscheinung durchaus-nicht umgangen werden konnten, wurden durch den Glanz 
von Gold, Perlen und Edelsteinen ausgezeichnet. Gerade aber in diesem Herein- 
ziehen der Welt in die himmlische Herrlichkeit, in der Freude an der Erde und ihren 
Erscheinungen, dem individuellen Menschenleben und der sichtbaren Natur liegt 
die hohe kunstgeschichtliche Bedeutung der Kunstweise der Brüder van Eyck. 
Betrachten wir sodann den Styl, die Kunstform dieser neuen Richtung der 
niederländischen Malerei, so finden wir ihn vornehmlich bezeichnet durch die ge- 
steigerte Lebendigkeit des Ausdrucks , stark markirte Züge und eckige Bewegungen, 
knochige, magere Glieder und scharf gebrochenen Faltenwurf. Die Färbung erhielt 
durch die von Hubert und Jan van Eyck zuerst in grösseren Bildern angewandte und 
vervollkommnete Oelmalerei eine hohe Vollendung. Sie zeigt eine besondere Vor- 
liebe für gesättigte Farben, deren Tiefe, Kraft und Durchsichtigkeit kaum höher 
zu treiben sein dürfte, und die selbst im Hintergrunde, unbeschadet der Luft-per- 
spektive, angewendet wurden. Das Blau des Himmels wetteifert mit dem Grün 
der Wiesen und der saftigen Laubwerke, und aus dieser Umgebung hervor leuchten 
in feurigem Zinnober und königlichem Purpur mannigfach nuancirt die Mäntel, Röcke 
und Mützen, in glänzendem Gelb das Gold der Rüstungen, Kronen und Ketten. 
Vermittclnde und mildernde Töne fehlen gleichfalls nicht, namentlich aber glänzt 
aus allen diesen Farben kräftig, warm und lebendig  wie in der Natur selber die 
Hautfarbe jeder sonstigen Färbung überlegen ist  und mit staunenswerther Natur- 
treue den Unterschied des Geschlechts, ja des individuellen Charakters in dem Haupt- 
tone festhaltend, die Carnation hervor. Wiewohl jede Farbe zu ihrer vollen Gel- 
tung gelangt, so stören doch nirgends grelle Töne und scharfe Gegensätze, und das 
Ganze erscheint im schönsten Farbeneinklange. Ein und derselbe charakteristische 
warmbräunliche Grundton herrscht entschieden vor und verhütet, dass sich die leb- 
haften Farben nicht allzu stark verdrängen. Gleicher Fortschritt mit der Färbung 
offenbart sich in den Werken der van Eyck von Seiten der malerischen Behandlung. 
Diese vereinigte Sorgfalt, Fleiss und Verstand, um den Gemälden eine ebenso unver- 
-gleichliche Vollendung zu geben, als eine Dauerhaftigkeit zu sichern, die sie bis 
heute vor dem Nachdunkeln, Verbleichen und Abblättern geschützt hat. Auf jede 
Einzelheit eingehend, blieben sie selbst im Kleinsten gross. Sie nahmen anscheinend 
das Geringfügigste auf und doch von dem Nebensächlichen das eigentlich Wirkungs- 
reiche allein, und auch diess nur mit steter Unterordnung. Sie vergassen kein Blatt, 
keine Frucht am Baume, kein Bärchen, und jedes Einzelne wirkt im Ganzen an 
seiner rechten Stelle. Beim vollendenden Uebermalen fügten sie wohl nur noch die 
höchsten Lichter und tieferen Schatten hinzu, verstärkten das Saftige und das 
Leuchten einzelner Farben, und verschmolzen und verbanden zur vollständigen Ab- 
rundung Alles, was etwa noch feinerer Uebergänge und zarterer Nuancen bedürfen 
mochte, bald mit festem Pinsel, bald fein Vertfelbßlld, nie jedoch kleinlich oder 
geleckt, immer mit geübtestem Auge und sicherster Hand, so dass ihre Bilder häufig 
noch viel ausgeführter erscheinen, als sie wirklich sind. In der Zeichnung und 
Modellirung strebten beide Meister nach fast sculpturartiger Bestimmtheit und Run- 
dung der Formen, und die Linienperspektive, von der ihre Vorgänger und Zeit- 
genossen noch nicht die geringste Kunde hatten, wurde durch sie in ihre feinsten 
Theile aufs Gründlichste ausgebildet und mit unfehlbarer Sicherheit geübt. Da-
        

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