Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
A - E
Person:
Müller, Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1040427
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1046577
Eyck, Hubrecht und Jan van. 
589 
technischen Mittel an die Hand gab. Man hat namentlich der hohen Ausbildung 
der Technik der Malerei in Oel die überraschende Erscheinung dieser plötzlichen 
hohen Vollendung zugeschrieben, in welcher wir die Werke der Brüder van Eyck 
erblicken. Man darf aber, wenn man erstere auch als Hauptbeforderungsmittel der 
letzteren gelten lässt, nicht verkennen, dass die Blüthe und Macht, zu welcher 
sich die tlandrischen Städte in jener Zeit emporgeschwungen hatten , Lebenslust und 
Vaterlandsliebe, allgemeine Verbreitung eines kräftigen religiösen Sinnes, die Pracht 
und Kunstliebe des burgundischen Hofes dazu schon vorher den Boden bereit-et; 
dass Hubrecht und Jan in der damals vielfach geübten Glas- oder der noch belieb- 
teren Miniaturmalerei, in welchem Fache man es bereits zu einer unvergleichlich 
hohen Vollkommenheit gebracht hatte, ferner in den altniederländischen Bildhauer- 
schulen, namentlich in denen von Dinant und Tournay, in welchen bereits die Be- 
strebungen einer individuellen Naturwahrheit mit grossem Glück befolgt wurden, 
die Vorbilder der neuen Richtung gefunden hatten, in welcher sie so Wunder- 
bares geleistet. 
Der Realismus in seiner ganzen bunten Fülle der Erscheinung, aber geadelt 
und geweiht durch die Vermählung mit der religiösen Idee, ist es also, was uns 
in ihren Bildern entgegentritt. Dadurch wurde der_Stoff der Darstellung bedeutend 
erweitert, wozu die Altarwerke in Form von Schreinen mit Flügelthüren und mehr- 
fachen Abtheilnngen passende Räume abgaben. Blieb auch immerhin Christus in 
seinen mannigfachen Beziehungen zur Kirche in der Regel der Mittelpunkt und 
Hauptgedanke des Altargemäldes, so boten doch die verschiedene Auffassungsweise 
dieses Gedankens und die Uebergänge zu den Ereignissen aus seinem Leben oder 
aus dem der Heiligen, namentlich der heil. Jungfrau, die sogar häufig zur Altar- 
gottheit wurde, die Beziehungen des neuen Testaments zum alten u. s. w. der Phan- 
tasie ein grosses, weit über die bisher gewohnte Darstellungsweise hinausgehendes 
Feld. Gefordert wurden diese künstlerischen Unternehmungen Wesentlich durch den 
herrschenden Gebrauch der Weihegeschenke, der Votivgemälde, von den Stiftern 
zum Heil ihrer Seele der Kirche gewidmet. Es war keine begütcrte Familie, keine 
Corporation, die nicht ihr Altarwerk in irgend einer Kirche gehabt hätte. So sehr 
aber die kirchliche Andacht noch alle Geister beherrschte, so sehr trat nun doch 
schon in den Kunsterzeugnissen das künstlerische Element mehr in den Vordergrund. 
Zwar behielt die neue Richtung, was Auffassung und Darstellung betrifft, die sym- 
bolische Anschauungsweise noch lange bei, überall liegt dem Bild der bedeutende 
Gedanke zu Grund und motivirt seine Darstellung; allein diese selbst blieb nicht 
mehr in die alte rituale Form gebannt, sondern überall regte sich das Bedürfniss 
einer freieren, einem lebendigen Gefühl entsprechenden Bewegung und zu der Gestalt 
trat mehr und mehr die Handlung und deren Wirkung auf das Gemüth. Das Subjektive 
trat mit aller Macht in den Vordergrund; Züge und Ausdruck wurden nach Gut- 
dünken der Wirklichkeit entnommen, und für alles Uebrige die heiterste, vielartigste 
Pracht der Erde in Anwendung gebracht. In diesem instinktartigen Drängen der Kunst 
nach möglichster Uebereinstimmung mit dem Leben, der sinnlich wahrnehmbaren 
Wiyklichkeit, musste nun auch die Anordnung im Allgemeinen von ihrer früheren 
architektonischen Strenge nach und nach ablassen; auch die Charakteristik beschäftigte 
sich jetzt mehr mit den Vorbildern der Natur, statt wie früher mit Gebilden der 
Phantasie , die zu ihrem Ideal die Form aus sich erschuf. Die goldenen Hintergründe, 
welche die leuchtende Pracht des Himmels andeuten sollten, verschwanden und statt 
ihrer eröffnete sich die Aussicht auf unser irdisches Paradies mit seinen Bergen und 
Thälern, seinen WVäldern und Strömen, Städten und Dörfern. Durch die Anmuth, Klar- 
heit und Frische dieser Aussenwelt, deren reiche Mannigfaltigkeit mit den Fortschritten 
der neuen Richtung zunahm, wurde eine ausserordentliche Heiterkeit über die Fi- 
guren verbreitet, welche ihren strengen kirchlichen Ernst milderte. Die heiligen 
Begebenheiten wurden dadurch mit unserem wirklichen Leben in so nahe Be- 
ziehungen gebracht, dass die unwiderlegliche Wahrheit des einen die Glaubwürdig- 
keit des andern über allen Zweifel zu erheben schien und mit derselben Liebe und
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.