Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
A - E
Person:
Müller, Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1040427
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1045017
David, Pierre Jean. 
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seine Bilder arm in der Erfindung, die Composition ist zerstreut, seine Figuren 
haben oft sehr unangenehme gespreizte Stellungen, und sein Colorit leidet am 
Mangel gründlicher Durchbildung; dagegen herrscht in allen seinen Darstellungen 
eine kräftige, sorgfältig durchgeführte Zeichnung, eine feine Eleganz der Formen, 
besonders der weiblichen, und seine wohlstudirten Gewänder sind durchaus von edlem 
Styl. David bleibt daher, was man auch seiner Kunstweise überhaupt vorwerfen 
mag, ein selbstständiger Geist, der hoch über der Mittelmässigkeit seiner Zeit- 
genossen, wie über der Dürftigkeit seines Jahrhunderts stand, und ihm hat vorzugs- 
weise die französische Malerei im 18. Jahrhundert ihren grossartigen Aufschwung zu 
verdanken. Ein Hauptverdienst bleibt dabei ferner die Gründung einer Schule, in 
der sich seine Zöglinge mit der grösstmöglichen Freiheit ihrer eigenthümlichen Natur 
gemäss ausbilden konnten, um, nachdem einmal, sowohl für sie als ihre Zeitgenossen 
überhaupt, durch ihren Meister jener höhere Standpunkt für die Malerei wieder 
erobert War, durch Verlassen der blossen Nachahmung der Antike und des thea- 
tralischen Pathos, auf freierem Wege die Vollendung der Kunst anzustreben. 
David, Pierre Jean, Mitglied der Akademien der Künste zu Paris, Brüssel und 
Berlin, ein berühmter französischer Bildhauer, der 1792 zu Angers geboren wurde 
und den ersten Unterricht bei dem Maler David erhielt, aber später in die Schule 
des Bildhauers Roland trat. Im Jahr 1811 erhielt er durch ein Basrelief, den Tod 
des Epaminondas darstellend , den ersten Preis in der Bildhauerkunst und damit eine 
Pension nach Italien , wohin er sich im folgenden Jahre begab. Nachdem er daselbst 
iieissig nach den Antiken studirt, auch eine Zeit lang in Canova's Werkstätte ge- 
arbeitet hatte, reiste er 1816 nach England und von da. nach Paris zurück, wo eine 
glorreiche Laufbahn sich für ihn auft-hat. Schon seine früheren Arbeiten hatten ein 
eminentes Talent beurkundet, Seine jetzt in rascher Folge ausgeführten Werke legten 
Zeugniss davon ab , wie sehr er dasselbe auch ausgebildet. Er wurde mit Aufträgen 
überhäuft und vollendete eine ungeheure Anzahl von plastischen Arbeiten. Eine 
später in mehreren Ländern, vorzugsweise aber in Deutschland unternommene Reise, 
auf der er die berühmtesten Persönlichkeiten portratirte, erweiterte seinen Ruf zu 
einem europäischen. Im Jahr 1852 wurde er als zu eifriger Republikaner aus Paris 
ausgewiesen, worauf er sich nach Brüssel und von da nach Griechenland begab. Er 
durfte aber schon nach einigen Jahren wieder zurückkehren, starb jedoch 1855 uner- 
wartet schnell. 
David's Werke bestehen in Porträtstatuen und Gruppen, grossen Basreliefs, 
Porträtbüsten und Bildnissmedaillons, und er zeigt sich in ihnen als ein geistreicher 
und eigenthümlicher Künstler, der mit der Sturmlust des Revolutionseifers, als der 
entschiedenste Gegner des Idealismus in der Kunst, die Fesseln der kalten Nach- 
ahmung antiker Sculptur zerbrach und ausschliesslich der Richtung des Naturalismus 
folgte. Auch ist es ihm gelungen, in dieser neuen, das Leben in seiner ganzen 
jetzigen äusseren Erscheinung auffassenden Art Werke zu schaffen, welche durch 
ihre Lebendigkeit, wie durch eine bis in die kleinsten Details gehende Ausführung 
eine schlagende TVirkung hervorbringen. Wenn indessen bei dieser reinen Natur- 
Ilß-Chßhlllllng der schaffende und ordnende Geist des Künstlers ganz ausser Thätigkeit 
gesetzt erscheint, so suchte sich dagegen seine Poesie an anderer Stelle Einüuss zu 
verschaffen und zu bewahren, und zwar im Gedanken, in welchem er viele seiner Zeit- 
genossen, Wie die meisten seiner Porträtstatuen beweisen, überragt. Besonders aber 
war er mit seinen lebhaften und feinen Fühlfäden für den Ausdruck geistigen Lebens 
mehr als einer von den Letzteren geeignet, die geistige Organisation der Zeit, 
im figürlichen Denkmal, in der Büste, im Porträtmedaillon festzuhalten und der Nach- 
welt zu übeTliefeTll- Man fühlt sich desshalb auch vor seinen Darstellungen histo- 
rischer Ereignisse mitten in dieselben hineinversetzt, wie wir uns vor seinen Bild- 
nissen in geistige Beziehungen zu den Personen gesetzt glauben. Nur schade, dass er 
in dem an und für sich sehr löblichen Streben, die eigensten Eigenthümlichkeiten der 
Persönlichkeiten wieder zu geben, auf den Abweg einer forcirten Art von Geist- 
Müller, Künstler-Lexikon. 28
        

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