Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
A - E
Person:
Müller, Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1040427
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1044509
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Cornelius. 
Schicksal der Welt eben so gewaltig als edel und erhaben ausgedrückt ist (nach dem 
Carton gest. v. J. Thäter). In der Lünette darüber sieht man die sieben Engel mit 
den Zornschalen Gottes. Diesem Bilde entspricht mit dem Worte der Beflllligung 
das entgegengesetzte am anderen Ende: das Bild der Auferstehung der Todten auf 
den Ruf Gottes (der in der Lünette erfolgt). Der Engel des Gerichts sitzt aber noch 
mit verschlossenem Buche auf einem Hügel und Leben und Wiedersehen Werden nur 
berührt von der Ahnung des bevorstehenden Gerichts. In der Lünette des rechts 
dem Mittelbilde sich anreihenden Feldes erscheint der Menschensohn auf einer Wolke 
mit der Sichel zur Erndte gerüstet, umgeben von den Engeln der Rache und des 
Gerichts. In dem Hauptbild darunter ist dann der Untergang des alten Babylons als 
Sinnbild der Strafe der Ungerechten in einfachen grossen und ergreifenden Zügen 
dargestellt. Links vom Mittelbilde dagegen sehen wir als Gegensatz die Vereinigung 
der Auserwählten zum Reiche Gottes im himmlischen Frieden, versinnbildlicht durch 
die Herabkunft des neuen Jerusalem in der Gestalt einer Jungfrau, die, geschmückt 
wie eine Braut für ihren Bräutigam, von zwölf Engeln getragen, vom Himmel nieder- 
schwebt, zu den verjüngten Geschlechtern der Erde, die ihrer harren. 111 der Lünette 
wird der Satan in den Abgrund gestürzt. Zwischen den Bildern des Zorns und der 
Strafe wird der Spruch: „Selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit 
willen l", zwischen denen der Hoffnung und der Gnade, der: "Selig sind die Hunger 
und Durst haben nach der Gerechtigkeit!" durch die Gruppen der hieher bezüg- 
lichen Seligkeiten veranschaulicht.  
Diess ist das grosse Werk, das gleich bei seinem Erscheinen als das schönste 
Denkmal der schöpferischen Kraft unserer, durch den mächtigen Genius dieses Meisters 
repräsentirten lebenden deutschen Kunst begriisst und bewundert wurde. Man findet 
darin denselben erstaunlichen Reichthum der Erfindung, die überwältigende Gross- 
heit in der Conception, den Adel und die Würde der Gestalten, dieselbe gewaltige 
Charakteristik, dieselbe Tiefe der Erfindung und des Ausdrucks, die grosse archi- 
tektonische Strenge neben grösster Freiheit der Anordnung und denselben gross- 
stylistischen Vortrag, wie in seinen früheren WVerken. YVenn Cornelius aber in jenen 
Darstellungen zuweilen einer Neigung zum Ueberkräftigen nachgegeben hat, wenn 
wir in ihnen neben dem Grossen und Erhabenen auch Herbes, Schroifes, Angestreng- 
tes finden, so herrscht dagegen in den Compositionen zu der Friedhofshalle in Berlin 
bei der grüssten Energie eine Milde, Gelassenheit und Schönheit vor, wie sie der 
Genius nur in seinen glücklichsten Weihestunden schafft. Die Bilder sind geboren, 
nicht aus einem noch ringenden, sondern aus einem vollendeten Geist, der mit der 
höchsten Reife der Erfahrung die Frische der Jugend paart. Mit allen diesen Vor- 
zügen verbindet der Meister eine Sicherheit und maassvolle Bestimmtheit, die jeder 
Scene eine Wirkung von schlagender dramatischer Kraft gibt, ein edles stylistisches 
Gesetz, daS Sßwohl in dem Rythmus der Gruppen, als in der Behandlung der Gewan- 
dung überall verwaltet. Ausserdem hat er, neben der duTChaüS ffeiell, neuen und 
selbstständigen Auffassung bekannter Scenen, mehrere andere und Vorzüglich be- 
deutende dargestellt, die dem Kunstgebiet ganz neue Anschauungen zuführen, und 
doch ist das Ganze in einer Stimmung gehalten, in der wir durchgängig den Ton der 
heiligen Schriften selber wieder erkenneIL 
Seit der im Jahre 1846 erfolgten Rückkehr des Meisters aus Rom, war Corne- 
lius emsig beschäftigt, diese seine Entwürfe zu dem grossartigen Bildercyklus aus 
der Blüthe der ersten Skizze in kleinem Maassstab zu prachtvollen kclossalen Cartons 
auszuarbeiten, deren jedem nach seiner Vollendung immer begeisterten; Bemmdeyung 
gezollt wurde, die jedoch leider immer noch auf die Mauer warten, die ihre Ueber- 
setzung in Farbe tragen soll. 
Ausser diesen herrlichen, die vollste Thätigkeit des Künstlers in Anspruch 
nehmenden Werken, fand Cornelius aber immer noch Zeit zur Ausführung verschie- 
dener anderer kleinerer und grösserer Arbeiten. So fertigte er unter Anderem, aussep 
einzelnen Zeichnungen für literarische Werke, dem Titelblatt für einen Kalender: 
die vier Jahreszeiten im Sinne der christlichen Religion aufgefasst, Compositionell
        

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