Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
A - E
Person:
Müller, Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1040427
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1044383
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Cornelius. 
sie durch tiefes Studium der alten Meister die Geschichte der Kunst und ihrer Ent- 
wicklung seit Jahrhunderten geistig und künstlerisch an sich selbst durchmachten. 
Hatte sich Cornelius von Anfang an zur altdeutschen Kunst hingeneigt, so zog ihn 
jetzt, nachdem er erkannt, dass dieselbe von ihrem Beginne an bis zu ihrer höchsten 
Ausbildung ihrem geistigen Gehalt nach mit der altitalienischen aufs Innerlichste 
verschwistert sei, diese, insbesonderejene schöne Kunstzeit, die dem Raphael voraus- 
ging und noch zum Theil in dessen Jugend fiel, unwiderstehlich an. Aber Angesichts 
der höchsten Meisterwerke wurde er zugleich auf die reineren Verhältnisse der 
äusseren Form hingewiesen und die Betrachtung der Werke Masaccids, Raphaels 
und Buonarottfs , 'veredelte seinen Geschmack, führte ihn zur Correkthcit des 
Styls, mässigte die Strenge der Umrisse und brachteAnmuth in die freiere Bewegung. 
Dabei bildete sich in ihm, neben seinem reichen und innigen Gemüth und frischem 
mächtigem Geist, jener ernste, feste männliche Charakter heraus, der, indem er auf 
die sogenannte römisch deutsche Schule, wie man jene von ihm und seinen Freunden 
angeregte und geübte Kunstrichtung nannte , bestimmend einwirkte , sich Selbst von 
derselben, wenn sie von der religiösen Seite aus für schwächere Gernüther gefährlich 
wurde, d. h. zu jener krankhaft ascetischen Kunstanscbauung führte, vom Spott mit 
dem Ausdruck "Nazarenerthum" bezeichnet, niemals beherrschen liess. Sein Geist blieb 
frei von aller Beschränktheit und fort und fort war er bestrebt, sich im Umgang mit 
geistreichen Männern, durch das Lesen alter und neuer Klassiker weiter zu bilden. 
Unter jene gehörte besonders der geistreiche preussische Gesandte Niebuhr, der in 
dem Palaste, welcher sich aus den Trümmern des ehemaligen Marcellustheaters erhebt, 
die Kunstbrüderschaft im behaglichen Wohnzimmer versammelte, um mit ihr deutsche 
und italienische Schriften, die zugleich anregend und belehrend waren, zu lesen und 
zu besprechen. Auch dem, aller materiellen Grundlage entbehrenden Eifer dieser 
Künstler durch passende Bestellungen sicheren Boden zu geben, war jener warme 
Kunstfreund, wiewohl stets erfolglos, bemüht. Der verstorbene König von Preussen 
schien keinen Glauben in die Leistungen der schwärmcrischen Künstler zu set-zen, 
war auch kein Freund von Heiligenbildern und noch weniger von grossräumigen 
Malereien, in denen sie ihre kühnen Gedanken aussprechen wollten. 
Endlich sollte ihnenjedoch, wenn auch ohne alle Aussicht auf Gewinn, wenigstens 
Gelegenheit geboten werden, ihre Kräfte in grösseren künstlerischen Leistungen zu 
erproben. Cornelius, immer auf Mittel sinnend, seinen grossartigeri und umfassenden 
Compositionen, aus denen bereits für jeden Kündigen die Wiedergeburt der deutschen 
Malerei leuchtete,.in einem ihrem Gedankengehalte würdigen Raume auszuführen, 
hatte die Idee der Wiedererweckung der Frescomalerei, die er allein für episte Dar- 
stellungen auf grossen Wandilächen geeignet hielt, angeregt. Der preussische Consul 
Bartholdy räumte den Künstlern zu einem derartigen Unternehmen bereitwillig einen 
Saal in seinem ehemals von Fed. Z uccaro, einstigem berühmtem Direktor der Lucas- 
akademie, bewohnten Hause ein, und Cornelius, Overbeck, Veit und Schadgw 
stellten nun in demselben in einer Reihe von Gemälden die Geschichte Joseph's mit, 
seinen Brüdern dar. Am Schönsten üelen die von Cornelius aus. Er hatte für sich; 
die Traumdcutung und die Wiedererkennung Joseph's (gest. v. A. Hoffmann) ge- 
wählt und in diesen Darstellungen über alle Erwartung Bedentsames geleistet. Brach 
schon in seinen früheren Compositionen zum Faust und zu den Nibelungen sein ge- 
waltiges Genie siegreich, Wiewohl hin und wieder noch in ungeziigelter Kraft hin- 
durch, so drückte nun in diesen Schöpfungen, bei nicht minder genialer Durchdringung 
der Aufgabe, ein hoher Geist des Masses dem Ganzen das Gepräge der edelsten Hilf- 
monie auf. _Dabei oifenbarte sich in ihnen eine schöpferische Fülle der Erfindung, 
grosse Feinheit der Charakteristik und die mannigfaltigste Abstufung des Gefühls, 
neben höchster Kraft des Ausdrucks.   
Kaum waren diese Bilder vollendet, als die Kühnheit der jungen rüstigen Künst- 
ler, die den Geist altflorentinischer Meister heraufbeschwuren , die lebhafteste Theil- 
nR-hme fand, selbst den Italienern, die damals noch in der Verehrung des Raphael 
Mengs befangen waren, die grösste Achtung abnöthigte und Veranlassung zu Be-
        

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