Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
A - E
Person:
Müller, Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1040427
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1043600
292 
Carstens. 
Rossbach und das Modell zu einem Standbilde Friedrich des Grossen zu Pferd, doch 
führte ihn erst ein Saal in dem v. Dornvilleschen Palaste, den er in demselben 
Jahre für den Minister Heinitz mit mythologischen Gegenständen schmückte, endlich 
dem Ziel seiner YVünsche entgegen. Bei der Einweihung desselben ward Carstens 
durch den Minister dem König vorgestellt und bald darauf erhielt er ein Stipendium 
von jährlich 450 Thaler auf zwei Jahre zu einer Reise nach Italien. 
 Im Sommer des Jahres 1792 trat Carstens die Reise nach Rom an. Nach einem 
einrnonatlichen Aufenthalte zu Florenz, wo ihn besonders die Werke der alten Floren- 
tiner gross angesprochen hatten und er eine reiche Composition, die Schlacht der 
Centauren und Lapithen entwarf, langte er im September desselben Jahrs in der 
ewigen Stadt an. WVohin hier Carstens seine ersten Schritte lenkte, lässt sich leicht 
errathen, in den Vatikan, zum Studium der Werke Michelangelos und Raphaels, 
die auch zeitlebens seine Vorbilder blieben und von denen die des Letzteren nament- 
lich ihn von seiner übertriebenen Neigung für allegorische Darstellungen allmählig 
abbrachten. Sein erstes Werk zu Rom war: der Besuch der Argonauten bei dem 
Centauren Chiron, ein Gegenstand, den er früher schdn in Berlin behandelt hatte, 
der aber in der neuen Darstellung bedeutend gewonnen und in der Reinheit des Styls 
und der Schönheit der Formen bereits die grossen Fortschritte zeigte, den der Aufent- 
halt zu Rom in seiner künstlerischen Ausbildung bewirkt hatte. Um sich einen 
Namen zu verschaffen, veranstaltete er darauf im Jahr 1795 in Rom eine öffentliche 
Ausstellung seiner Werke, und das Urtheil der Sachverständigen über die ausgestell- 
ten Compositionen, an denen man besonders den Reichthum an origineller Erlindung 
und den grossartigen Styl bewunderte, üel, trotz einem ganzen Chor neidischer und 
eifersüchtiger, im akademischen Schlendrian befangener Maler, für Carstens so günstig 
und ehrenvoll aus, dass er dadurch seine Absicht: sich durch dieselben so vortheil- 
haft bekannt zu machen, um sich unabhängig von der Berliner Akademie, mit der 
er vollständig gebrochen hatte, seine Existenz in Rom gründen zu können, für er- 
reicht hielt. Seine Holfnung täuschte ihn auch nicht. Seine Arbeiten fanden Be- 
wunderer und Käufer, ein Kreis wackerer Künstler schaarte sich um ihn, um mit 
ihm denselben Weg einzuschlagen, ja von jener denkwürdigen Ausstellung datirt 
die zweite Restauration der modernen Malerei zu Ende des vorigen Jahrhunderts. 
Carstens arbeitete fieissig fort und es entstanden in den folgenden zwei Jahren noch 
verschiedene grossartige Compositionen nach Lucian, Philostrat, Homer, Ossian, Dante, 
Sophokles, Pindar, Göthe u. s. w. Aber, frei von den Ansprüchen der Berliner Aka- 
demie, hochgeachtet und geschätzt von Künstlern, Kennern und Kunstfreunden, ganz 
nahe dem Ziele seiner Laufbahn, ereilte ihn der Tod. Zu seinen letzten Arbeiten 
gehören eine Reihenfolge von trefflichen Zeichnungen zur Geschichte der Argonauten 
und des' Oedipus , nach Sophokles, die letzte aber war: das goldene Zeitalter, eine 
der herrlichsten und anmuthsvollsten Compositionen, die je des Künstlers Phantasie 
beschäftigt. Ein unheilbares Brustübel machte nach einem langwierigen Kranken. 
lager, auf dem er sich immer noch mit Cornpositionen beschäftigte, seinem Leben im 
Frühjahr 1798 ein Ende. 
Carstens Werke bestehen meistens nur aus Aquarellmalereien und Zeichnungen, 
zur Ausführung grösserer Arbeiten hatten ihn, ausser den genannten Malereien im 
Dorvil1e'schen Palaste zu Berlin, weder äussere Verhältnisse begünstigt, noch hatte 
er sich auch in Folge nicht genug geübter technischer AllSbildung die nöthige Ge- 
schicklichkeit dazu erworben. Aber alle diese Compositionen zeichnen sich durch 
edle klassische Einfalt, eine hohe Ruhe der Seele, erllStell Sinn für die Schönheit 
menschlicher Formen, sowie ein reges individuelles Leben aus. Frei von allem Haschen 
nach Effekt, theatralischer Manier, der damals üblichen vornehmthuerischen Kunst- 
gelehrsamkeit und aller Prätension des Vortrags, erfreuen sie als die naturwüchsigen 
Erzeugnisse eines durch keine Schule beirrten , in edelster Geschmacksrichtimg 
thätigen Kiinstlergeistes , der sich durch das Studium der Antiken und unter den Ein- 
flüssen der Werke Michelangelds und Raphaels selbstständig durchgebildßt- 
Ein reines männliches Gefihl, eine vollkommene Unbefangenheit der Existenz, ein
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.