Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
A - E
Person:
Müller, Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1040427
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1043473
Caracci, Lodovico. 
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da sie der Kunstweise seiner Zeit fremd geworden waren, mannigfachen Spott, ja 
selbst Verachtung zu ertragen hatte. Er liess sich jedoch dadurch nicht beirren, 
reiste, nachdem er in seiner Vaterstadt die besten einheimischen Meister, namentlich 
die Werke des Bagnacavallo und Tibaldi, studirt hatte, nach Venedig, wo er 
bei Tintoretto in die Lehre trat, der ihm, als er die Mühe und das Studium sah, 
das ihn seine Arbeiten kosteten , wie früher Fontana riet-h , die Kunst zu verlassen. 
Lodovico jedoch, sich seines Berufes bewusst, setzte nur mit um so emsigerem" Fleisse 
seine Studien, in denen er es von Anfang an auf eine Reform des bisher üblichen 
Kunstbetriebs abgesehen hatte, fort, begab sich darauf nach Florenz, wo er nach 
Andrea. del Sarto studirte und den Unterricht des Passignano genoss, eines 
Meisters, der sich bereits dem neuen Aufschwung in der Malerei angeschlossen hatte, 
welcher sich auch in der Florentiner-Schule um selbige Zeit zu regen aniieng. Als 
er aber sah, dass alle diejenigen, welche sich der neuen Richtung anschlossen, um 
der Mattherzigkcit, die sich in der Kunst eingeschlichen hatte, zu entgehen, hin- 
gingen, sich an den WVerken der alten grossen Meister zu begeistern, reiste er nach 
, Parma, und von da nach Mantua und Venedig, an welchen Orten er überall gründ- 
liche Studien nach Correggio, Parmigianino, Giulio Romano und Tizian 
machte.  
Die Vorzüge dieser grossen Maler nun, die er hinlänglich in sich aufgenommen, 
mit den Schönheiten der Natur und der Antiken zu verbinden und in Eins zu ver- 
schmelzen und damit der fessellosen Willkür der Manieristen entgegenzutreten, war 
fortan sein einziges Bestreben , und er war nach seiner Rückkehr nach Bologna auf's 
Eifrigste in dieser Weise thätig. Seine Werke, die einen ganz neuen Styl ankün- 
digtßn , fanden auch viele Bewunderer, aber eben so viele Neider unter den Malern. 
Er musste desshalb gefasst sein, einen förmlichen Krieg gegen die Uebermacht dieser 
im tiefsten Manierismus verwilderten Zunft beginnen zu müssen und sah sich daher 
nach einer kräftigen Unterstützung und nach Anhängern unter der Jugend- um. Er 
fand dieselben in der Person seiner beiden Neffen, des Agostino und Annibiale Ca- 
racci, in denen er das frühzeitig hervorstechende Talent erkannte und deren künst- 
lerischen Ausbildung er sich nun unterzog. Er schickte jenen in die Lehre des 
Prospero Fontana, ohne jedoch darüber die eigene Ueberwachung seiner Studien 
zu vernachlässigen, den Letzteren aber unterrichtete er selbst. Agostino widmete 
sich überdiess den Wissenschaften, beide aber machten in der Malerei so glänzende 
Fortschritte , dass sie den Neid und die Eifersucht der älteren Bologncsischen Maler 
erweckten, und Lodovico sich veranlasst sah, sie, bis sie in ihrer künstlerischen Aus- 
bildung gehörig erstarkt, um den Kampf mit den Gegnern aufzunehmen, vorher noch 
in's Ausland zu schicken. Nach ihrer Rückkehr in die Vaterstadt, übernahmen alle 
drei Caracci die Aussehmückung des Pal. Fava. Annibale und Agostino malten 
die Geschichte Jasons in 18 Bildern, Lodovico die Aeneide in 12 Darstellungen. So 
vielfache Anerkennung diese Malereien aber auch Seitens des Publikums fanden, S0 
laut erhob sich gegen sie der erbitterte Tadel ihrer Gegner, der durch das Ansehen, 
in welchem diese schon seit lange standen , um so grösseres Gewicht erhielt. Lodo- 
vico und Agostino sollen desshalb auch schon beschlossen gehabt haben, ihren 
Vorsatz aufzugeben und zu der im Schwnnge gehenden Manier zurückzukehren, 
Annibal? 35913 als der Entrschlossenste unter ihnen, darauf gedrungen sein, nicht 
nachzugehen , sondern dem Strom der Schmähungen immer bessere Werke entgegen- 
zusetzen. Lodovico schöpfte wieder neuen Muth und stiftete nun mit seinen Neffen 
eine Kunstakademie, welche den Namen der Incamminati (von incamminare, auf den 
Weg, in Gang bringen) führte. Sie versahen dieselbe mit allen zum gründlichsten 
Studium nöthigen Mitteln, mit Gypsabgüssen, Kupferstichen und Handzeiclenungen, 
sorgten für zweckmässigen Unterricht im Zeichnen und Malen nach dem Nackten, 
für gehörige Unterweisung in den theoretischen Fächern der Perspektive, Anatomie 
u. s.w. und leiteten ihre Schüler mit Klugheit und Liebe. Dadurch gerade erhielten 
sie auch um so grösseren Zuspruch, je mannigfacher die Letzteren zuvor von dem 
Hochmuth der älteren Meister zu leiden gehabt und trotz des Widerspruchs von dieser
        

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