Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
A - E
Person:
Müller, Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1040427
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1043362
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Agostino. 
Caracci, 
mehr einen normalmässigen Kanon der menschlichen Gestalt, als einen wahrhaft 
lebendigen Begriff derselben gewährt. Ihre Köpfe nahmen sie aus der Natur lmd 
verbesserten sie nach allgemeinen Schönheitsbegriffen. Auch in der Anatomie fehlt 
bei aller gründlichen Kenntniss und richtiger Andeutung der Muskeln das feinere 
und zufällige Spiel derselben, welches man in der Natur bemerkt und wodurch sich 
vorzugsweise das innewohnende Leben kund gibt. Das Colorit in ihren Oelbildern 
ist, wo sie nicht absichtlich auch in der Färbung einen der grossen Meister nach- 
ahmten , beinahe durchgängig schwer und undurchsichtig und hat ein zu materielles 
Ansehen, auch waltet- im Ganzen darin ein zu dunkler Ton vor. Dagegen zeigen 
sie sich in ihren Frescomalereien, in denen durchweg eine ungewöhnliche YVahrheit, 
Kraft und Harmonie der Farben herrscht, als bedeutende Meister. In den Gewändern 
liebten sie einen grossartigen Schnitt und Faltenwurf; keine andere Schule hat so 
weite Mäntel oder schlug sie würdevoller um die Gestalten. 
Nach dieser allgemeinen Betrachtung über die Kunst der Caracci, kommen wir 
an die einzelnen Mitglieder dieser ausgezeichneten Künstlerfamilie. 
Caracci, Agostino, Maler und Kupferstecher, der Bruder des Annibale, geb. 
1558 zu Bologna, gest. 1601 zu Parma, wurde von seinem Vater, einem Schneider, 
zum Goldschmied bestimmt, aber sein Oheim, Lodovico Caracci, iiösste ihm eine 
solche Liebe für die Kunst ein, dass er sich derselben zu widmen beschloss und unter 
der Leitung von Pro sp ero Fontana darin auch gar bald sehr grosse Fortschritte 
machte. Um sich aber in allen Zweigen der zeichnenden Künste auszubilden und 
zu vervollkommnen , erlernte er bei Dom. Tibaldi die Kunst in Kupfer zu stechen, 
bei Bart. Passerotti das Zeichnen mit der Feder und bei dem Bildhauer Antonio 
Minganti das Modelliren, so dass er schon als zwanzigjährigei" Jüngling, sowohl 
in Bildern von eigener Composition, als durch einen Kupferstich der Anbetung der 
Könige, nach Peruzzi, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Neben diesen 
künstlerischen Studien beschäftigte er sich zu gleicher Zeit mit den YVissenschaften, 
und er erwarb sich in ganz kurzer Zeit auch als Mathematiker, Rethoriker, Musiker 
und Dichter einen geachteten Namen, Eigenschaften, in welchen er der ganzen 
Schule der Caracci voranleuchtete. Diese Liebe zu den Wissenschaften und Nei- 
gung zum Umgang mit gebildeten Personen, erregte den Neid seines Bruders Anni- 
bale, der selbst wenig Bildung genossen hatte und nur in Gesellschaften von Per- 
sonen unter seinem Stande ein Vergnügen fand. Sie lebten daher in beständiger 
eifersüchtiger Uneinigkeit und da um dieselbe Zeit die unehrlichen und ungerechten 
Angriffe der Gegner des künstlerischen Strebens der Caracci immer erbitterter wur- 
den und Lodovico Nachtheile daraus für die beiden Neffen fürchtet-e, so rieth er letz- 
teren sich einige Zeit von Hause zu entfernen und nach der Lombardei zu begeben, 
um dort die Werke des Correggio und der venetianischen Meister zu studiren. 
Agostinß reiSte nach Parma und von da nach Venedig, wo er durch unablässige 
Uebungen in der Zeichnung immer mehr erstarkte und einige Kupferstiche naclr 
eigenhändigen Copien von dortigen Meisterwerken in der damals sehr geschätzten 
Art des Corn. Cort ausführte, die ihn bereits als Meister in diesem Fache ankiindig- 
ten. In's Vaterland zurückgekehrt, leitete er, als ein Mann von gelehrte-r Bildung, 
in der von seinem Oheim mit ihm und seinem Bruder gegründeten Akademie den 
theoretischen Unterricht in der Anatomie, der Perspektive und den andern zur Malerei 
erforderlichen Vvissenschaften. Ausserdem las er den Schülern Geschichten und Fa- 
beln vor, erklärte sie und liess Zeichnungen danach machen, die an gewissen Tagen 
dem Urtheile Sachverständiger unterworfen und mit Preisen gekrönt wurden. Diese 
Preise bestanden im Ruhm. Die Gekrönten wurden von Dichtern im Liede geprieSeIl; 
Agostino mischte sich mit der Cither unter sie und sang beifällig die Fortschritte 
seiner Zöglinge. S0 wurde die Schule der Caracci nicht nur von Solchen, die sich 
zu Künstlern ausbilden wollten, sondern auch von wissenschaftlich gebildeten Män- 
nern und der vornehmen TVelt besucht, und binnen kurzer Zeit die berühmteste 
in ganz Bologna. 
Unter die ersten Arbeiten des Agostino auf dem Felde der Malerei nach seiner
        

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