Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
A - E
Person:
Müller, Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1040427
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1043353
Caracci. 
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und dieselbe dadurch nach hartem Kampfe verdrängt zu haben. Ihrer ungemeinen 
Tüchtigkeit und ihrem rastlosen Eifer gelang es, der von ihnen zu Bologna gestif- 
teten Schule in ganz Italien ein entschiedenes Uebergewicht zu verschaiien und sie 
können daher füglich als die Wiederhersteller der Kunst ihres Vaterlandes betrach- 
tet werden. 
Naturbeobachtung, Studium der Antike und Nachahmung der grössten Meister 
für denjenigen Theil, in welchem jeder als der Vorzüglichste galt, waren die leiten- 
den Grundsätze ihrer Schule. So wurden von ihnen Michelangelo als Muster 
für Zeichnung und Bewegung, Tizian für die Wahrheit der Farbe und den Vortrag, 
Raphael für Composition und Ausdruck, Correggio für Helldunkel und Grazie, 
Tibaldi für Anstand und Würde, Primaticcio für die Erfindung empfohlen. Man 
hat ihnen daher, gleich jenen Philosophen des Alterthums, welche die verschiedenen 
vor ihnen erschienenen philosophischen Systeme zu einem selbstständigen Ganzen 
zu vereinigen strebten, den Namen Eklektiker gegeben. Dieses zusammenge- 
setzte Ideal, das sie in den Werken des Niccolö dell' Abb ate gefunden zu haben 
glaubten, wie aus einem Sonett des Agostino Caracci zum Lobe desselben hervor- 
geht, bestand bei ihnen jedoch zum Glück mehr in der Theorie als in der Praxis, 
indem ihr Eklekticismus nur ein Uebergangsstudium ihrer eigenen Entwicklung war, 
und man in ihren besten Bildern bald diesen bald jenen Künstler entschieden als 
Vorbild erkennt, bald ihr eigenes bedeutendes Talent sich mit einer gewissen Unab- 
hängigkeit, mit männlicher Selbstständigkeit sich geltend machen sieht. Selbst die 
Nachahmung der grossen Meister war bei ihnen keine äusserliche, seelenlose, sie 
beschränkte sich mphr auf eine künstlerisch durchgebildete Aneignung des Höchsten, 
was die Kunst überhaupt geboten. Dennoch blieb von jenem eklektischen, überall 
umschauenden und reilektirenden Studium in ihren Werken eine gewisse Kälte , Be- 
fangenheit und Absichtlichkeit zurück, welche den Beschauer abstösst, etwas Akade- 
misch-Bewusstes, was den Eindruck des Gemachten hervorbringt, das in Verbindung 
mit einer gewissen Einförmigkeit und Allgemeinheit in ihren idealischen Köpfen und 
Körperformen, ihren Gemälden, bei einer öfter in allen Theilen höchst achtbaren 
Meisterschaft, keine recht lebhafte innere Theilnahme zu gewinnen im Stande 
ist. Dabei ist jedoch durchaus nicht zu verkennen, dass selbst in der Nachahmung 
bei ihnen der diesen Künstlern eigene Impuls, sich durch die manieristische Ver- 
wüstung Bahn zu brechen und das ernste, mit so vielen Schwierigkeiten verbundene 
Bemühen ersichtlich ist, an deren Stelle etwas Neues zu setzen. Sie hatten ein 
wahres und grosses Gefühl für die Darstellung erhöhter Lebenszustände und rangen 
mit unglaublicher Energie nach vollständiger Harmonie des entsprechenden Styls. 
Ihr Styl zeigt daher ein Streben nach Grossheit der Formen und der Massen, 
allein diese erscheinen zwar wohl als der Ausdruck von Kraft, aber nicht von Er- 
habenheit der inwohnenden Seele und Geisileshüheif- In der Composition strebten 
sie nach grösserer Einfachheit und Klarheit und verwarfen die vielen Figuren, welche 
die thörichten Nachahmer des Michelangelo in die Malerei eingeführt hatten; 
dagegen gingen sie mehr auf einen guten Bau der Anordnung als Bedeutung in der 
Erfindung aus. Ihre Figuren sind gut gestellt, um irgend eine Handlung oder Leiden- 
schaft auszudrücken , sie erinnern jedoch gar zu sehr an akademische Modelle , und 
in den Gegensätzen der Gruppen sowohl, als der einzelnen Figuren, tritt an die Stelle 
jener Schönen Züfälligkeit, durch welche dieselben, wie von ungefähr, durch geistige 
Beziehungen zu einander zu einem Ganzen zusammentreten sollen, allzuoft die Absicht- 
lißhkßit, das Ueberlßgte , Gelehrte. In Bewegung und Ausdruck suchten sie Leben- 
digkeit, waren dabei aber immer vor Allem bemüht, der Wohlanständigkeit nichts 
zu vergeben , der sie selbst die Anmuth geopfert hätten. Die Zeichnung führten sie 
wieder zur Strenge und Gründlichkeit zurück und es ist ihnen darin , besonders dem 
Anllibßle, Wß-S Cßrrektheit und Vermeidung von Fehlern anbetrifft, ein grosses Ver- 
dienst nicht abzusprechen, allein es mangelt auch ihr doch im Ganzen Schönheit und 
Anmuth. Die nackten Formen zeigen zwar einen nach guten Meistern gebildeten, 
aber dabei einförmigen Typus, der durch einen abstrakten, conventionellen Charakter
        

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