Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
A - E
Person:
Müller, Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1040427
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1043100
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Caliari , 
Paolo. 
welche in der heil. Schrift vorkommen, in denen er am Vorzüglichsten erscheint, in 
denen er, die letzten historischen Fesseln abschüttelnd , und den ceremoniellen Inhalt 
durch die schönste und kraftvollste Einzelbelebung aufhebend, ein schönes und freies 
Menschengeschlecht, das in ungehemmtem Jubel alle Pracht und Herrlichkeit der 
Erde geniesst, schildert, und zwar in der bunten Farbenlust der reichsten Gewänder 
und umgeben von den grossartigsten architektonischen Oertlichkeiten und Perspek- 
tiven, von dem Glanz prachtvoller Geiässe und funkelnder Geschmeide und einer 
Menge der Haupthandlung zur Folie dienender, bewegter Episoden. Dabei ist ein 
helles sonniges Tageslicht über dieses Zusammenleben verschiedener zu einem herr- 
liehen Ganzen vereinigter Existenzen ausgegossen. Es herrscht darin eine Pracht 
des Colorits, eine Feinheit in der Abstufung der Töne, eine Magie der Haltung, eine 
Harmonie der reichsten und grcssartigsten Farbenscala, eine lätrbenverklärung, 
welche diese Bilder gleichsam zu Farbendithyrainben , zu hinreissenden Farben- 
symphonien macht, die an uns vorrüberrauschen, sich vor unserem trunkenen Auge ent- 
rollen. Diese poetische und künstlerische Thatkraft, in einer so gesunkenen Kunst- 
epochc Leben und Liebreiz so rein und voll darzustellen, ist doppelt hoch anzu- 
schlagen, und wenn Paolo Veronese auch sich dem Naturalismus vielfach anbequemt, 
wenn auch seine Composit-ion hin und wieder sogar verwildert, seine Schönheit sich 
mehr an die Sinne als an die Seele richtet, so weht selbstaus seinen flüchtigsten 
Bildern noch ein gewisser Hauch der Anmuth, spricht aus ihnen noch eine naive 
Fülle des Daseyns, die damals bereits aus allen andern Schulen gewichen war. 
Paolo Veronese malte mit spielender Leichtigkeit und Sicherheit in einem kühnen 
und geistreichen Vortrag. Seine Farbe ist äusserst rein und kräftig, weil er sie nicht 
quälte, sondern auf das ersternal den rechten Ton traf. Auch lasirte er weit Weniger 
als andere Venetianer, wesshalb seine Bilder weniger durch Reinigen verdorben 
werden. Er malte beinahe stets im vollen Lichte und vermied die iinstern Schatten, 
und dennoch runden sich alle seine Gestalten, ohne dass er der scharfen Gegensätze 
von Hell und Dunkel bedurfte, durch genaue Beobachtung der Wirkungen der Farbe 
und des Lichts auf das Auge; ja die entzückendsten Glieder, die er malte, schwim- 
men in Licht und Helligkeit und doch springen sie aufs Plastischste aus der Leinwand 
hervor. Auch beobachtete er mit feinem Sinne die Zusammenstellung derjenigen 
Farben, die sich gegenseitig heben; er mied eine solche, wo er eine sanfte, suchte 
sie aber, wo er eine lebhafte Wirkung hervorbringen wollte. Von seiner eigenthüm- 
lichsten und vortheilhaftesten Seite erscheint er in seinen, in einem sehr lichtgoldenen 
oder silbernen Ton ausgefülnten Bildern. In andern Gemälden suchte er im tiefen 
bräunlichen Ton mit den späteren Werken des Tizian zu wetteifern. In seinen spä- 
testen Bildern dagegen wird sein Colorit fahlgrau und durch ein unglückliches Feuer- 
roth selbst unharmonisch. 
Paolo Veronese malte eine ausserordentliche Menge von Bildem, Zum Tlleil in 
den allergrössten Dimensionen und mit lebensgrossen Figuren. Zu seinen vor- 
züglichsten und bedeutendsten zählt man, zu Berlin im Museum: vier allego- 
rische Darstellungen zur Verherrlichung Deutschlands (für den Festsaal des vor- 
maligen Kaufhauses der Deutschen [Fondaco dei Tedeschi] zu Venedig gemalt), nam- 
ylich 1) Jupiter übergibt der Germania die Attribute der weltlichen Macht; 2) die Zeit 
siegt über die Ketzerei und bringt die Religion zu Ehren; 3) Minerva. ist; beschäftigt, 
den Mars zu rüsten, auf die Kriegsrüstigkeit Deutschlands anspielend; 4) Apoll, der 
mit der Lyra sich zur Juno wendet, wodurch wahrscheinlich die Blüthe der Künste 
in Deutschland angedeutet werden sollte. Ferner: ein Plafondbild, das ehemals die 
Decke eines Saales in dem prachtvollen Palaste Pisani a S. Stefano schmückte und 
Jupiter, Juno, Cybele und Neptun darstellt, die einer von Engeln zum Himmel empor- 
getragenen Figur nachblicken. Zu demselben gehören vier kleinere Bilder mit Kinder- 
genien, die in den verschiedensten Stellungen in der Luft umheriiattern. Dieser 
Plafond ist in dem hellen silbernen Fleischton, in welchem Paolo so einzig da steht, 
und in den ihm eben so eigenthümlichen brillanten Farben der Gewänder auf eine 
höchst geistreiche und breite Weise gemalt und zeigt insbesondere eine ausserordent-
        

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