Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
A - E
Person:
Müller, Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1040427
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1042005
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Bernini , 
Giov. Lorenzo. 
Bernini, GiOV. 1401131120, berühmter Baumeister, Bildhauer und Maler, geb. 1599 
zu Neapel, wo sein Vater, Pietro Bernini, als Bildhauer. thätig War, gest. 1680 
zu Rom, genoss bei Letzterem den ersten Unterricht in der Kunst und machte darin 
so reissende Fortschritte, dass er schon in seinem zehnten Jahre einen Wohlgelungenen 
Engelskopf, in Marmor ausgeführt, zu Stande brachte, und in Rom, wohin sein Vater 
im Jahr 1608 übersiedelte, mit einigen Büsten, worunter die des Papstes, mehr aber 
noch mit seiner, im noch nicht zurückgelegten 18. Jahre gefertigten Gruppe des 
Apollo und der Daphne (in der Villa Borghese zu Rom), einem Werke von unüber- 
treiflicher Vollendung der Ausführungr, durch die Frühreife seiner Meisterschaft all- 
gemeines Aufsehen erregte. Diese reichen Gaben der Natur und die Beweglichkeit 
eines höchst eründungsreichen Talentes, das sich mit gleicher Befähigung und bei- 
nahe noch grösserem Erfolge auch der Baukunst widmete, wurden durch äussere 
glückliche Umstände, durch grossartigo Aufträge, durch die ununterbrochene Gunst 
der Päpste so gefördert und gehoben, dass Bernini, sowohl durch seine eigene resul- 
tatreiche und glanzvolle Thätigkeit in zwei Kunstzweigen während seines langen 
Lebens, als vermöge seiner Stellung an der Spitze aller grossartigen Kunstunter- 
nehmungen des römischen Hofes auf die Kunst und die Künstler seiner Zeit bestim- 
mend einwirken konnte, ja eine unbegrenzte Herrschaft über sie ausübto. Fast zahl- 
lose Architekturwerke entstanden durch ihn und über hundert Marmorgruppen und 
Statuen giengen aus seinem Atelier hervor. Er vergab alle ölfentlichen Arbeiten und 
nach ihm bildete sich desshalb nicht nur eine fast unzählige Schaar von Bildhauern, 
sondern er hatte auch unter den Malern viele Schüler und Nachahmer, die um seine 
Gunst buhlten.  
Diesen zwingenden Einfluss auf seine künstlerischen Zeitgenossen und Nach- 
folger verdankte Bernini zunächst seinem Genie und leichtbexxieglichen Talente, sich 
der Strebungen der Zeit zu bemächtigen und sie in Marmor ausführen zu können. 
Dem rückhaltlosesten Naturalismus sich hingebend, ging er darauf aus, die ge- 
steigerte Erregt-heit der Affekte, den exstatischen, durch die Lebhaftigkeit der Ge- 
berden und Körperbewegungen versinnlichten Gefühlsausdruck in der Plastik darzu- 
stellen, und mit allen Mitteln einer eben so kühnen , als ausgebildeten Technik eine 
Naturwahrheit zu erreichen, welche jene Gluth der Empiindung dem Beschauer un- 
mittelbar nahe zu rücken geeignet ist. Da jedoch seine Begeisterung nicht der 
freie Erguss der schaffenden Künstlerseele war, sondern mehr als eine künstliche 
Erhitzung des Verstandes erscheint, so verrathen seine Darstellungen durchweg eine 
gewisse retlektirende Absichtlichkeit, tragen ein mehr oder minder ßßektirtes Ge- 
präge; da er ferner nur den gröberen Sinn zu befriedigen bestrebt war, so trat bei 
ihm an die Stelle von Grazie und Schönheit ein gesuchter kokettcr Liebreiz und wo 
er empfindsam werden will, ist seine Sentimentalität die einer Buhldirne, Man kann 
sagen, dass er die Schattenseiten der Darstellungsweise des Correggio, die stimulirte 
Erhitzung des Gefühls, die gesuchte Grazie und die rundlichen ileischigen Körper- 
formen bis zur Carrikatur übertrieb. Dabei trieb ihn sein Streben nach Pathos und 
Bewegung zu einer malerischen Behandlungsweise, welche nicht selten zu einer 
völligen Auflösung der der Plastik eigenthümlichen Darstellungsgesetze führte. Seine 
männlichen Charaktergestalten sind gewöhnlich von einem gemeinheroischen Aus- 
druck und haben eine prahlerische Muskulatur, die nicht das Ergebniss wahrer 
elastischer Kraft ist, sondern an aufgedunsene Bälge erinnert; die üppigen Fleisch- 
massen seiner Weiber verhöhnen das Schönheitsgefühl und dem Fleisch selbst gab 
er ein weiches Fett, das allen wahren Gliederbau unsichtbar macht und durch seine 
glänzende Politur vollends widerlich wird; seine Gewänder, die an der Bewegung 
der aifektvollen Motive Theil nehmen müssen, sind in malerischen Massen componirt 
und haben einen ungemein manierirten Faltenwurf. Dagegen ist Bernini in der Be- 
handlung der Steife, worin er alles leistete, was die Skulptur überhaupt zu leisten 
Yermßg, unübertrefflich und seine Bildnisse sind meistens ausgezeichnete Arbeiten. 
Abgebildet in den Denkmälern der Kunst. 
Atlas zu Kuglers Handb. der Kunstgesch.
        

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