Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1668157
Textile 
Kunst. 
Die 
Decke. 
39 
sich hier thätig, der nur in der einen orientalischen Weise ange- 
messene Anwendung finden kann. 
Unsere europäischen Damen aber breiten das bunt zusammen- 
gcflickte Muster aus einander und legen es schön geglättet über 
dß Schultern, so dass der phantastisch polyehrome Zipfel oft in 
verkehrter Richtung glatt und symmetrisch über den Rücken her- 
unterhängt und der erstrebten Symmetrie zum Trotze die eine 
Schulter die andere blau, roth oder grün erscheint. Gleich- 
zeitig begtß '11; das höchste Genie unserer europäischen Kaschemir- 
Fabrikantenf darin, diesen an sich originellen und seiner Berech- 
tigung nicht entbehrenden Stil zu korrumpiren, ohne seine Ent- 
stehungsweise zli berücksichtigen oder nur zu kennen. 
Ebenso wenig wird auf die mit dem erwähnten Gesetze der 
Proportionalität eng zusammenhängende Nothwendigkeit geachtet, 
dass die Motive des Musters stets und unter allen Umständen auf- 
recht erscheinen müssen, wenn sie in Beziehung auf Unten und 
Oben einen Sinn haben. Auch dieses Gesetz gilt für beide Fälle, 
nämlich so gut für den aufgerichteten Teppich, wie für die herab- 
hangende Draperie. 
Alles Rankenwerk, jedes vegetabilisehe Ornament, so gut wie 
dasjenige, Welches dem animalischen Reiche entnommen wurde, 
muss sich vom Boden nach der Höhe entfalten. Kaum dass der 
eigentliche Ueberhang hierin eine Ausnahme macht, und zwar nur 
in sofern, als sich in seiner Ornamentation deutlich zu erkennen 
gibt, dass der oberste Theil eines aufwärts gerichteten vegetabili- 
sehen Motivs durch Ueberschlag und den überwältigenden Einiluss 
der Schwerkraft in die entgegengesetzte Richtung nach Unten ge- 
zwungen wird.  
Noch ein drittes proportionales Stilgesetz haben alle Beklei- 
dungen gemeinschaftlich, nämlich dasjenige, wonach die schwerere 
Form und die dunklere oder ernstere Farbe stets das Unten, die 
leichtere Form und die hellere und glänzender-e Farbe stets das 
Oben beherrscht, die Mitte aber für Beides, für Form und Farbe, 
einen Uebergang zwischenden genannten Extremen bilden muss. 
In Hinsicht auf Proportionalität haben also die beiden ange- 
führten, in der Baukunst besonders thätigen Bekleidungsarten, 
nämlich die aufgerichtete oder gespannte Tcppiehwand und die 
herabfallende Draperie, fast gleiche Gesetzlichkeit; dagegen sind 
sie zuerst in symmetrischer Beziehung von einander verschieden,
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.