Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1668144
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Hauptstück. 
Drittes 
laufen, wollte man gestreifte Zeuge so anwenden, dass die Streifen 
nicht mit "der Richtung der proportionalen Entwicklung des damit 
bekleideten Gegenstandes liefen, sondern diese Richtung rechtwink- 
lieht oder diagonaliter durchsehnitten. Fast zu allen Zeiten haben 
die Moden die gräuliehsten Verstösse gegen diese Regel herbeige_ 
führt; die jetzige übertrifft jedoch auch in diesem Ungeschmacke 
alle vorhergegangenen. Ich darf nur auf die verkehrte und unge- 
schickte Benützung der an sich durchaus nicht verwerflichen schot- 
tischen quarrirten Muster hinweisen. Als Plaids, vielgefaltelt, sind 
sie erträglich; die bunte Verwirrung ihrer Muster, die übrigens 
ihren rein technischen Ursprung deutlich kund geben, wird durch 
den Faltenwurf nicht eben verschlimmert, wenn schon dieser in 
seiner freien Entwicklung durch jene bunten Quadrate seinerseits 
auf bedenkliche Weise gestört wird. Nun aber benützen unsere 
Dandies diesen Stoff zu Beinkleidern, zu engansehliessenden Westen 
und Röcken, ohne zu berücksichtigen, dass alle Proportion der 
Gestaltung durch jene l1_art accentuirten, sich kreuzweis durch- 
schneidenden Streifen des schottischen Mustefs von Grund aus 
vernichtet werden muss. Nicht mit Unrecht waren daher bei den 
Griechen und griechisch gebildeten Römern die braeeae virgatae 
und überhaupt die quarrirten Stoffe in jeder Anwendung als bar- 
barische Sklaventracht verrufen. (Vergl. C. A. Böttigers kleine 
Schriften ete. Dritter Band: Ueber die herrschende Mode der ge- 
würfelten Stoffe. 8. 22.) 
Die persisch-indischen Schleier und Sehawls sind Produkte, be- 
stimmt, in reichem Faltenwurfe als Turban das Haupt zu umhüllen 
oder als Gürtel zu dienen. Ein guter Theil der Stilistik dieser 
kostbaren Stoffe ist auf diesen Zweck basirt, die verworrenen 
Formen, die Contraste der vielfarbigen Streifen, die nur durch den 
verknüpfenden Faltenwurf motivirt erscheinen und die nöthige Ver- 
bindung erhalten. Nur für Anwendungen, bei welchen die nicht 
auf Entwicklung, sondern auf Farbenreiz berechneten Muster sieh 
im Faltenwurfe in reicher Verworrenheit kund geben, sind diese 
Produkte berechnet, an denen oft 20 bis 30 Personen jahrelang 
arbeiten, indem Jeder ein einzelnes Stück für sich fertig macht. 
Die Stücke werden zuletzt so geschickt zusammengewirkt, dass 
nirgendwo eine Naht zu entdecken ist. Also ein ächter Mosaikstil, 
und zwar in abenteuerliehster Art, eigentlich ein Fliekstil, zeigt
        

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