Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1667893
Textile Kunslg. 
13 
Drittes Hauptstück. 
Textile Kunst. 
Allgemein 
Formelles. 
Wesshalb 
textilen K-ünste voranzuschickexl 
die 
sind. 
Es ist schwer zu bestimmen, kommt auch genau genommen 
wenig darauf an zu Wissen, welcher unter den im vorigen Kapitel 
aufgeführten Zweigen der Technik nach dem natürlichen Ent- 
wicklungsgange des Menschen zuerst in Ausübung kam. Jeden- 
falls kann kein Zweifel darüber obwalten, dass die beiden zuerst 
namhaft gemachten, nämlich textile Kunst und Keramik diejeni- 
gen sind, bei denen sich neben der Zweckverfolgung zuerst das 
Streben des Verschönerns durch F ormenwahl und durch Zierrath 
kund gab.  Unter diesen beiden Künsten gebührt aber wieder 
der textilen Kunst der unbedingte Vorrang, weil sie sich dadurch 
gleichsam als Urkunst zu erkennen gibt, dass alle anderen 
Künste, die Keramik nicht ausgenommen, ihre Typen und 
Symbole aus der textilen Kunst entlehnten, während sie selbst in 
dieser Beziehung ganz selbständig erscheint und ihre Typen aus 
sich heraus bildet oder unmittelbar der Natur abborgt. 
Es ist nicht zweifelhaft, dass die ersten Prinzipien des Stiles 
sich in dieser ursprünglichsten Kunsttechnik befestigten. 
Technik. 
dieser 
Zwecke 
Erste 
Der Mensch kam auf die Idee, ein System von Stoffeinheiten, 
deren charakteristische Eigenschaften in der Biegsamkeit, Ge- 
schmeidigkeit und Zähigkeit bestehen, zusammenzufiigen aus fol- 
genden Gründen: 
erstens um zu reihen und zu binden; 
zweitens um zu decken, zu schützen, abzusehliessen. 
Alle Formen, die aus diesen Zwecken hervorgehen, sind entweder 
der linearischen oder der planimetrischen Grundform sich an- 
nähernd. Jene eignen sich mehr dazu, das Reihen und Binden 
faktisch zu bewerkstelligen oder dem Begriffe nach bildlich zu 
versinnlichen; diese hingegen werden erforderlich, wo man decken, 
schützen und abschliessen will, und sind zugleich die sich selbst
        

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