Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1667821
Erstes 
Hauptstück. 
Baukunst, die den Ausdruck und das Gehäuse der Gesellschafts- 
organismen erfindet, bis zu ihren ersten Anfangen zu verfolgen. 
S0 ergiebt sich z. B. die scheinbar ursprünglichste Kunst, die 
ägyptische, bei näherer Prüfung als mindestens sekundär und in 
der Reihe der Entwicklungsgrade auf diejenigen folgend, die dem 
wirklichen Alter ihrer Entstehung nach um viele tausend Jahre 
jünger sind und bei weitem verwickeltere Combinationen darbie- 
ten, als die ägyptische Kunst, wie z. B. die assyrische, deren 
Wesen und grosse kunst- und kulturgeschichtliche Bedeutung 
etwas deutlicher zu erkennen uns erst seit den Entdeckungen der 
neuesten Zeit vergönnt ist. 
Das Verfolgen dieses schwierigen Themas wird in dem zwei- 
ten Theile dieses Buches nothwendig werden, hier seien nur 
zuvörderst bezüglich auf dasselbe zwei Thesen aufgestellt, deren 
Durchführung in dem zunächst folgenden versucht werden soll. 
l) Es treten dem aufmerksamen Beobachter überall, wo er auf 
monumentale Spuren crstorbener Gesellschaftsorganismen trifft, 
gewisse Grundformen oder Typen der Kunst entgegen, die sich 
hier klar und unverwischt, dort bereits in sekundärer und tertiärer 
Umbildung und getrübt zeigen, immer aber als dieselben, die so- 
mit älter sind als alle Gesellschaftsorganismen, von welchen sich 
monumentale Spuren erhalten oder von denen wir sonst, in Be- 
ziehung auf ihnen eigen angehörige Kunst, Nachricht haben. 
2) Diese Typen sind den verschiedenen technischen Künsten 
entlehnt, wie sie in primitivster Handhabung oder selbst in vor- 
gerückter Entwicklung als die ursprünglichsten Besehützerinnen 
der heiligen Heerdiiainme (des urältcsten Sinnbildes der Gesell- 
schaft und des Menschenthumes im Allgemeinen) gedacht Wurden. 
Sie erhielten zwar sehr frühzeitig symbolische Bedeutung (theils 
in hieratiseh tendentiösenl, theils in ästhetisch formellem Sinne), 
Wurden aber zugleich in ihrer ursprünglichsten technisch-räum- 
lichen Benutzung niemals ganz abgeschafft, sondern fuhren auch 
in diesem Sinne fort, bei den späteren Umbildungen derarehitec- 
tonischen Formen als wichtige Agentien nachzuwirken. 
Ohne die Berücksichtigung dieses ältesten Einflusses der tech- 
nischen Künste auf die Entstehung der althergebrachten Formen 
und Typen in der Baukunst ist kein richtiges Eingehen in das 
Verständniss dieser letzteren möglich. So wie die Sprachwurzeln 
ihre Geltung immer behaupten und bei allen späteren Umgestal-
        

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