Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1672844
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Vie: 
rtes 
Hauptstück. 
Netzwerk von Gewölbribbeu aufgelöst wird, die zugleich senk- 
recht und horizontal auf nur einzelne Punkte der Mauer wirken, 
verlangt das Auge, sowie die Statik, sofort Gegenstiitzen. 
Der gothische Baustil hat die eine Hälfte des Problemes, die 
mechanische nämlich, durch die von Aussen gegen die Mauer ge- 
stützten Strebepfeiler und Schwibbögen nur zu rücksichtslos und 
hausbacken gelöst. Dagegen ist er die Lösung der ästhetischen 
Hälfte desselben schuldig geblieben; er lasst nicht nur das Auge 
unbefriedigt, dort wo der Seitenschub der Gewölbribben wahr- 
nehmbar wird, nämlich in dem Innern der überwölbten Räume, 
wo die äusseren Gegenstreben nicht sichtbar sind und jedes un- 
befangene Auge sich durch deren Abwesenheit und das einseitige 
Wirken der Gewölbribben nach Aussen gegen einen Pfeiler dessen 
Stärke innerlich umgesehen bleibt, der scheinbar zu schwach ist, 
gieängstigt fühlen muss; er verletzt das ästhetische Gefühl auch 
äusserlich durch übermäehtiges rein technisches Pfeile-r- und 
Sehwibbogenwerk, das gegen etwas wirkt was ausserlich gar 
nicht gesehen wird und in formaler Beziehung daher auch gal- 
nicht existirt. Denn das ästhetische Auge trägt zwar räumliche 
Eindrücke mit Leichtigkeit über von früher zu nachher Gesehenem 
aber statische Ergänzungen des Gesammteindruckes durch noch 
nicht oder nicht mehr gesehcnes Gegenwirken von Massen sind 
nicht statthaft. Diess erklärt sich ganz einfach dadurch, dass ein 
halbes statisches System nichts Ganzes für sich bildet und eigent- 
lich gar nicht existenzfahig ist, dass dagegen ein Raum, z. B. ein 
Vestibulum, das mit dem Peristyl des Hofes, sodann mit der nach- 
her zu ersteigenden Treppe, der oberen Loggia und dem Vor- 
saale, in welchen diese führt, eine harmonisch wirkende Gesammt- 
heit bildet, auch für sich allein ein abgeschlossenes Ganzes ist. 
Viel schöner ist diese Aufgabe z. B. gelöst in den grossartigen mit 
Kreuzgewölben überspannten Hauptsälen der römischen Thermen, 
wo das Widerlager und zugleich die senkrechte Stütze der Wölb- 
decke durch vor die inneren Wände gestellte Säulen, deren Ge- 
bälk in die Mauer eingreift und den Seitenschub aufnimmt, zu- 
gleich mechanisch und ästhetisch befriedigend vertreten sind. 
Durch diese Säulenstützen in dem Inneren der Raume für die 
Decke wird zugleich dem alten indogermanischen Grundsatze, 
dass die Mauer nicht tragen sondern nur umschliessen soll, Ge- 
nüge gethan, und letztere in dieser Beziehung von dem Gewölbe-
        

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