Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1667757
XLIII 
dadurch dass die Richtung besonderen Ausdruck findet, die Idee in 
deutlich sprechender Weise sich durch die Erscheinung kund gibt. 
So ist bei gewissen Bauwerken die eurhythmische Abgeschlossenheit 
der Krystalle und andrer vollkommen regelmässiger Formen der Natur 
wiederzufinden. 
Beispiele die Grabkegel (tumuli), die ägyptischen Pyramiden und_ 
ähnliche Denkmäler; sie sind allseitig entwickelt, ohne eigentliche pro- 
portionale oder direktionelle Gliederung, und gerade desshalb, als voll- 
ständig für sich bestehende Mikrokosmen, als Symbole des Alls das nichts 
ausser sich kennt, auch als Denkmäler weltberühmter und weltbeherrschen- 
der Völkerführer, sehr ausdrucksvoll. 
Bei anderen ebenfalls zu der Klasse der Denkmäler gehörigen Wer- 
ken der Baukunst, die sehon ein Vorn und Hinten haben, herrscht die 
Symmetrie vor; andere sind wieder überwiegend proportional, wie 
die hohen Kuppeln, noch entschiedener die Thürme, bei denen Symme- 
trie und Richtung von der Proportionalität der emporsteigenden Formen 
übertönt werden. Sie sind daher als Symbole himmelstrebender Tendenz 
bedeutsam. Gleicherweise zeigt" sich an vielen Werken der technischen 
Künste und der Architektur die direktionelle Gliederung als das 
hervorragende Prinzip. Beispiel das Schiff, das wegen dieses bewe- 
gungsvollen Charakters besonderer und hoher künstlerischer Ausbildung 
fähig ist, was auch von den Alten, so wie im Mittelalter, und in der 
Zeit der Wiedergeburt der Künste, vollständig erkannt wurde. Das Gleiche 
gilt von dem beiittigten Streitwagen. 
Selbst in der monumentalen Baukunst beherrscht mitunter das ge- 
nannte direktionelle Prinzip die anderen Bedingungen der schönen und 
geschlossenen Form. Beispiele der ägyptische Processionstempel und die 
ihm hierin ähnliche römisch-katholische Basilika des 13. Jahrhunderts. 
Aber in dem griechischen Tempel tritt die Zweckeinheit, analog wie 
bei dem Menschen, bei vollstem Reichthum und grösster Freiheit in rein- 
ster Harmonie hervor! Athene's krönendes Giebelfeld ist wie das Ant- 
litz der Göttin zugleich die Dominante der Proportionalität, der Inbegriff 
der Symmetrie und der Reflektor des opfernd nahenden Festzuges.
        

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