Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1672405
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Viertes Hauptstück. 
des Pausanias über den Tempel der Diana zu Stymphalos: in dem 
Plafond der Cella dieses Heiligthums seien auch die styrnphali- 
schen Vögel gebildet, es sei aber schwer zu sagen, 0b aus Gyps 
oder aus Holz; „mir scheint es aber wahrscheinlicher, dass sie 
aus Gyps sind."  Er konnte nicht hinzutreten um zu prüfen, 
Wäre aber der skulptirte Plafond in seiner Naturfarbe geblieben 
so hätte sich ohne Berührung sofort ergeben, aus welchem Stoffe 
er bestand. Andere ähnliche Thatsachen, die dem hervorgehobenen 
Umstandc das Wort sprechen, werden später angeführt werden. 
Wir Modernen können uns schwer vorstellen wie sehr die Alten 
die Autorität eines Kunstwerkes von der Magniiicenz der Er- 
bauung, den Kosten des dazu genommenen Stoffes und der Schwierig- 
keit seiner Bearbeitung abhängig machten, was an sich mit der Ten- 
denz der antiken Kunst keinesweges im Widerspruche steht, wie 
bereits gezeigt werden ist, was aber allerdings in späterer Zeit 
zuweilen in fast kindische Kuriositätenhascherei ausartete. Ohne 
diesen Schlüssel ist es weder möglich die alten Kunstwerke zu 
verstehen noch den meisten auf Kunstwerke bezüglichen Stellen 
alter Autoren ihren richtigen Sinn abzugewinnen. 
Es stimmt mit der hervorgehobenen Eigenthümlichkeit antiker 
Kunstauffassung überein, wenn Plinius 1 einmal ausdrücklich sagt; 
man habe den weissen Marmor zuerst nicht wegen seiner Schön- 
heit (lautitiae causa) gewählt, denn diess hätte man noch nicht er- 
kannt, sondern wegen seiner Härte. Hieher gehört auch Vitruvs 
Bemerkung über den Tempel der Honos und Virtus, der unter 
den ersten Bauwerken gezählt hätte, wäre ihm durch Magni- 
ficenz und Kostbarkeit (expensis) des Materials eben so viele 
Würde zu Theil geworden, wie er durch Kunst sich auszeichnete. 
Also nicht die Schönheit und Weisse sondern die Kostbarkeit, 
d. i. die Theure, schwierige Bearbeitung und Seltenheit des 
Stoffs fallen bei diesem Urtheile ins Gewicht? 
Nehmen wir des Plinius Behauptung, man habe die lautitia, 
den Reiz, des weissen Marmors bei seiner ersten Benützung noch 
nicht erkannt, als gegründet an und verfolgen wir von diesem 
Standpunkte aus, so weit es uns gelingen kann, das Wachsthum 
des Erkennens der glänzenden Eigenschaften des genannten Bau- 
stoffs bei den Alten, und die dem entsprechenden Modiiicationen 
1 Plin. H. N. XXXVI. 
2 Vitruv. VII. prooem. 
Delechamp.)
        

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