Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1672209
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Viertes 
Hauptstück. 
ihrem materiellen Dienste befreit wird, und nur als 'I'rägerin des 
formalen Gedankens auftritt, während sie diesen zugleich durch 
das Verstecken der Steinfugen, des Baustoffes überhaupt, von 
letzterem gleichsam ernancipirt, so dass die Form sich allein aus 
sich selbst und der in ihr liegenden organischen Idee erklärtywie 
die der belebten Geschöpfe, bei denen man auch nicht fragt aus 
welchen Stoffen sie bestehen, obschon Qualität und Quantität des 
Stofflichen wichtigste Bedingungen ihrer Existenz sind, und diese 
sich nach jenen moditicirt.  
Daher kennt der griechische Baustil keinen Unterschied zwi- 
schen "Kernschema" und "Kunstschema," in Welcher Trennung 
ein hierodulisch ägyptisirender Gedanke unverkennbar enthalten 
ist. Herr Prof. Carl Bötticher, mit aller Achtung für seine Ge- 
lehrsamkeit, seinen Geschmack und seinen Scharfsinn sei diess 
gesagt, war vom Hermes Trismegistos inspirirt, der ja auch des 
Pythagoras Numen war, als er seine Bücher hellenischer Tempel- 
exegesis schrieb.   
Wie die Pfeilerstatue für Aegypten so ist die Figurensäule 
(Karyatide) für Griechenland gleichsam der Grenzwerth des Aus- 
drucks der das architektonische Gesetz beider Länder enthält. 
Man kann den Unterschied zwischen ihnen nicht einfacher und 
fasslicher darlegen als durch die Vergleichung beider Gegensätze! 
Ein solches Prinzip wie das hellenische musste selbstverständ- 
lich für das Formale vornehmlich auf Traditionen fussen die das 
Maskiren des materiellen Machwerks begünstigten; ohne diese 
Traditionen, etwa aus reiner Spekulation, konnte es niemals ent- 
stehen, und diese Traditionen waren asiatisch! 
Es handelte sich nur, die mechanischen Bedürfnissformen der 
asiatischen Bekleidungskonstruktion in dynamische, ja in orga- 
nische Formen zu verwandeln, sie zu beseelen, und alles was 
keinen morphologischen Zweck hat, wohl sogar der rein formalen 
Idee fremd und ihr entgegen ist, auszustossen, oder auf neutralen 
Boden zu verweisen. In dieser Sichtung des Gegebenen, und in 
der Vergeistigung desselben, nicht in der Eriindung neuer Typen, 
die der Masse unverständlich geblieben wären, oder erkältende 
Wirkung gemacht hätten, bestand die neue Schöpfung. 1  
1 Dass den spätem Griechen die Hohlkonstruktion für die heroische Archi- 
tektur ganz besonders bezeichnend war, und die Erinnerung daran selbst im 
Vßlke lebendig blieb, leuchtet hervor aus verschiedenen Stellen der Dichter,
        

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