Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1672082
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Viertes Hauptstück. 
und den Aegyptodoriern vertretene Meinung widerspricht der 
Physis, dem Erzeugungs- und Wachsthumsgesetze, das sich in 
der Säule, sowie in dem was sie zu stützen hat, ausspricht. 
Wie unstatthaft diese geträumte Genesis der dorischen kannelirten 
Säule sei, beweist schon ihr frühestes (angebliches) Vorkommen 
an den Gräbern von Beni-Hassan, woselbst sie mit einem in 
H olz konstruirten Gebalke (d. h. mit einer aus dem Felsen gg- 
hauenen Nachahmung desselben) in Verbindung steht. 
Doch wenden wir uns zunächst zu anderen mehr oder weni- 
ger fossilen Ueberresten von Menschenwerk, die, nicht minder 
charakteristisch als jene, und von ihnen grundverschieden, der 
Boden Kleinasiens aufweist. 
Auch der dorische Stil hat hier seine gleichsam vorwelt- 
liehen Repräsentanten, die, gleich jenen ionischen, vor allem Frühe- 
sten was auf eigentlich hcllenischem Boden den gleichen Stil verräth 
die untrüglichsten Kennzeichen grösserer Ursprünglichkeit voraus 
haben. Wenigstens ein solches Exemplar ist bereits entdeckt 
worden welches dieses Vorrecht höchster Stilursprünglichkeit un- 
zweifelhaft besitzt, mit dem desshalb in einem architektonologischen 
Museum die Rubrik „D0rischer Stil" zu eröffnen, das daher 
hervorzuheben und bestens zu beleuchten ist. Statt dessen aber 
fertigt das neueste und verbreitetste deutsche Handbuch der Archi- 
tekturgeschichte diesen Ueberrest mit '23 Zeilen ab. Zwar recht- 
fertigt der Verfasser des gedachten Werks dieses Obenhinbehan- 
deln mit der, wie ihm scheint, willkürlichen Restitution welche 
der Entdecker dieses Monuments, Herr Texier, damit vorgenom- 
men habe; aber Wäre letztere auch noch so verbürgt, so würde 
dennoch Derartiges nur als Curiosum und als Monstrum in das 
einmal etablirte System unserer Kunstphysiologen unterzubringen 
sein, welcher Ausweg somit gewählt wird. Wer sich aber um 
das genannte System nicht bekümmert hat ein Reicht die Sache 
wichtiger zu nehmen und jenen merkwürdigen dorischen Ar- 
chitrav des Tempels der Akropolis von Assos an der 
äolischen Küste Kleinasiens mit seinen alterthiimlichen Skulpturen 
als Handhabe oder als Stützpunkt zuwvählen, der ihm einen tüch- 
tigen Sprung aufwärts, dem Endziele näher, erleichtern soll. 
Beides, sowohl die Stelle woselbst diese Skulpturen ange- 
bracht sind, wie leztere selbst, ihr Charakter und was sie dar- 
stellen, sind höchst befremdlich. Sprechen wir zuerst von der
        

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