Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1672020
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Viertes Hauptstück. 
Wie ein Vogelkäficht gestaltet, mit ringsum bis zur Sohle geöff- 
neten Interkolumnien, welche verkehrte Vorstellung uns noch 
später beschäftigen soll. 
Hellas. 
Kleinasien. 
Wir nähern uns der letzten Entwicklung des Prinzips was 
uns schon so lange beschäftigte.  
Hellenische Kunst konnte nur auf dem Humus vieler langst 
erstorbener und verwitterter früherer Zustände der Gesellschaft 
hervorwachsen; sie musste in Beziehung auf ihre Elemente und 
Motive dem komponirten Charakter entsprechen der das Hellenen- 
thum überhaupt bezeichnet und der auch sonst, z. B. in der 
griechischen Mythologie, so klar zu Tage tritt. Diese ist eine 
selbständige poetische Schöpfung des späteren Hellenenthums, die 
uns zuerst im Homer und im Hesiod in künstlerischer Gestaltung 
begegnet; aber sie basirt auf einem Wuste von Bruchstücken einer 
obsolet gewordenen metaphysischen Natursylnbolik, untermischt 
mit historischen Ueberlieferungen, fremden und einheimischen 
Glaubensartikeln, Legenden und Superstitionen. 
Wie aus diesem üppigen Chaos die freie Götterpoesie sieh ent- 
wand, eben so war die bildende Kunst, als Illustration der 
ersteren, auf den Trümmern älterer einheimischer und fremder 
Motive hervorgesehossen. Wie der herrliche lllarmor, der den 
Küsten und Felsen Griechenlands Gestaltung gibt, ungeachtet sei- 
ner homogenen Bildung, durch Adern, durch darin zerstreute Fos- 
silien und andere Zeichen, seine sedimentäre Entstehung verrätln- 
eben so wenig verleugnet die hellenisehe Kunst ihren sekundären 
Ursprung; auch sie zeigt dem Beobachter alle die Ablagerungen, 
die ihre materielle Basis bilden, die aber in einer herrlichen Volks- 
rnetamorphose aus ihrem sedimentären Zustande zu krystzillklarer 
Homogeneitiit zusannnenschossen. 
Die Berücksichtigung dieser Spuren ursprünglichcrer, den 
eigentlich hellenischen vorangegangener, Kunstzustände in Grie- 
chenland und den kunstverwandten Ländern ist nothwvcndig zu 
dem Verständniss gewisser Erscheinungen in der griechischen 
Kunst, die uns, wegen der Zerstörung der Monumente und 
des unserer Anschauung entzogenen (iesammtbildes dieser Kunst,
        

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