Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1671937
'I'extile 
Kunst. 
Äeäyptisehe 
Säulenoränungen. 
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früheste was Aegypten an Werken der Kunst aufzuweisen hat, 
bereits den Uebergang zu dem späteren Stile bezeichnet. 
Hier muss ich auf Vorhergegangenes zurückverweisen. Es wurde 
gezeigt wie in der westasiatisehen Kunst die sogenannte Ordnung 
der Säulen, das heisst die Kunstforrn der stützenden und getra- 
genen Theile des Baues, einen vornehmlich technischen Ursprung 
hatte; wir hatten sie aus dem Prinzipe der Hohlkörperkonstruktion 
abgeleitet, indem in allmäligen Uebergängen die statische Funktion 
von dem ursprünglichen Holzkerne auf die umgebende Hülle des- 
selben überging. Der Kern ward überflüssig als die metallische 
Hülle in sich selbst genügende Kraft zum Stützen und Spannen 
gewonnen hatte. Diesen Ilohlkörpertypus behält die Ordnung selbst 
nach ihrer Metamorphose in den Steinstil. Ihre Kunstform ist 
zugleich aus der Umhüllung und aus der Struktur hervorgegangen; 
beide Gegensätze versöhnen sich in ihr. Das Gegentheil davon 
ist die Ordnung des pharaonisehen Aegypten; absichtsvolles, 
grundsätzliches Scheiden der umhüllenden Kunstform 
von der Struktur ist ihr Entstehungsprinzip. Die Struktur, 
der ursprüngliche Holzkern ist hier von der Umkleidung sorgsam 
getrennt gehalten; diese hat nichts zu tragen, sondern nur zu 
bekleiden und zu schmücken, oder vielmehr eine symbolische 
Sprache zu sprechen, deren Sinn sich nicht auf das Werk selbst 
bezieht, sondern auf dessen Bestimmung und Weihe. Das Motiv 
dazu ist ursprünglich und naturwüchsig in gesuchter Weise, 
wie alle Motive des pharaonischen Stiles. Es sind die mit Rohr- 
stengeln und Papyrosbinsen geschmückten vierkantigen Holzpfähle 
der Baldaehine, wie sie bebändert und bckränzt auf zum Theil 
sehr alten Darstellungen religiöser Feiern und Pompen häufig 
wahrgenommen werdenl und noch in ptolemäischer Zeit ge- 
bräuchlich waren, wie wir aus der bereits mitgetheilten Beschrei- 
bung des alexandrinischen Festzeltes und der des grossen Nil- 
Schiffes wissen. Ueber dem kelehförmigen Kronenbüschel des 
oben am Halse der Säule zusammengebundenen Rohres ragt der 
steinerne Strukturkern sichtbar heraus und trägt den glatten nur 
von Hieroglyphenreihen gezierten Sturz; weil aber die Rohr- 
stengel als aufwärts steigende Stäbe eine Art von struktiver 
Thätigkeit zulassen hat man später sie mit einem gemalten Tep- 
1 Vergl. den Holzschnitt auf Seite 309. 
Sem per. 53
        

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