Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1671900
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Viertes Hauptstück. 
wohl schon gekannt war aber nur zu bestimmten Zwecken gebraucht 
wurde. Die meisten eigentlichen Bilder sind flach erhaben oder 
nur gemalt. Auch linden sich bereits Statuen aus jener Zeit die 
bewegter, naturgetreuer sind und einen besseren künstlerischen 
Geist athmen als die des jüngeren Reichs. Im Allgemeinen sind 
die Verhältnisse gedrungen, die Gesichter durchaus nicht typisch 
gehalten, sondern von fast geistvoller Portraittreue, mit einge- 
setzten Augen aus Bergkrystall und Onyx, die durch ihre Natür- 
lichkeit und ihr Leben in Erstaunen setzen: Das schönste Exem- 
plar statuarischer Kunst aus dieser Zeit, ein sitzender Hiero- 
grammateus, gefunden unweit des sogenannten Serapeum oder 
der Apisgräber bei Memphis, befindet sich mit andern trefflichen 
Skulpturen des alten Reichs in dem ägyptischen Museum des 
Louvre. Jene genannte Figur, aus für Acgypten naturtreu näm- 
lich ziemlich rothbraun polychromirtem Kalksteine, steht den aegi- 
netischen in plastischer Vollendung der Formen wenig nach; in 
lebendigem Ausdrucke des Gesichts lässt" sie dieselben weit 
hinter sich zurück. 
Die Stuckbekleidung der Mauern und aller aus Stein und Terra- 
kotta ausgeführten Gegenstände und der davon unzertrennliche 
polychromatische Schmuck ist eine Sitte die niemals in Aegypten 
ganz abgeschafft aber im alten Reiche bis zu den Grenzen des 
neuen hinab in entschiedenster Weise gehandhabt wurde. Beispiel 
der berühmte in Stuck ausgeführte königliche Stammbaum Thot- 
mes III. aus dem hinteren Anbau dieses Königes zu Karnak. 1 
In allen Gräbern bis tief in die Pharaonenzeit hinunter zeigt 
sich in der Wanddekoration die Erinnerung an das Urmotiv was 
ihr zum Grunde liegt, nämlich an die Auskleidung der Wand 
mit gestickter Tapete. Die einzelnen Bilder sind umrändert, 
mit Borten versehen, gleichsam an die Mauer angeheftet, nicht, 
wie später, mit dieser identificirt. Der Tempellapidarstil, die 
Versteinerung des alten Motivs und die Metamorphose der bild- 
nerischen Darstellung in Mauerschrift findet in den Gräbergrotten 
nur langsamen Eingang, und wie es scheint beschränkte sich 
dieser Einfluss des herrschend gewordenen theokratischen Hiero- 
glyphenstils selbst in später Zeit auf die Gräber der Könige 
und der Mitglieder des königlichen Hauses, deren Darstellungen 
1 Jetzt in den unteren Räumen der Bibliothek zu Paris ohne Erlaubniss 
nicht mehr zugänglich.
        

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