Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1667662
XXXIV 
_entgegengerichtet ist, der bei den Thieren durch die Rückenwirbelsäule 
{bezeichnet wird, die bei den meisten Thieren horizontal liegt und in die 
Willensrichtung fallt, aber bei dem Menschen Wieder vertikal steht und 
imit seiner Willensrichtung nicht zusammenfallt, sondern einen rechten 
Winkel mit ihr bildet. Es sind daher bei der organischen Gestaltung 
je nach den Stufenhöhen der Organismen zwei oder drei Kräfte thätig, 
, denen wir (nach dem Vorgange dessen was in der Mechanik üblich ist) 
flbesondere Kraftcentren beimessen dürfen. 
l Die am allgemeinsten thätige unter ihnen ist die M as senwirkung, 
die sich am augenseheinlichsten theils als Schwere, theils als vi s, 
inertiae kund gibt. Ihr stets normal entgegen wirken die beiden an- 
dern Kräfte, die organische Lebenskraft und die Willenskraft. 
Die Pflanzen wurzeln in der Erde und haben keine Willenskraft, 
sondern nur Lebenskraft, deren Centrum man sich in den Zenith, auf der 
unendlichen Verlängerung der Senkrechten, welche die Lehensaxe der 
Pflanze bildet, versetzt denken darf. Sie bildet mit der Schwerkraft, die 
Wir in den Mittelpunkt der Erde versetzen, ein Paar, das in einer und 
derselben Vertikalen, aber in entgegengesetztem Sinne, wirkt. 
Durch diesen Koniiikt (der auch dann noch besteht, wenn auch dem 
Massengleichgewichte bereits Genüge geleistet Ward) ist zum Theil' die 
Proportion der Pflanze bedungen, die von dem Gesetze des Gleich- 
gewichts unabhängig ist, weil, wie bereits oben hervorgehoben wurde, es 
für das Gleichgewicht ganz ohne Einfluss ist, ob ein bestimmter Kom- 
plex von sich in Bezug auf den vertikalen Stamm einander die Wage 
haltenden Massen oben oder unten am Stamm, über oder unter andern, 
einander gleichfalls aufwiegenden Systemen der Verzweigung hervor- 
wachse. 
Wenn somit das statische Gleichgewicht bei der proportionalen Bil- 
dung der Pflanze nicht unmittelbar in Betracht kommt, so ist dafür die 
 ein wichtiges Moment derselben. Die konoidische Form 
entspricht diesem Stabilitätsgesetze am besten, die zugleich aus dem in- 
neren Wachsthumsprinzipe der Pflanze und aus andern sehr verwickelten, 
gTösstentheils noch unerforschten, Ursachen hervorgeht und zugleich durch 
sie modiiieirt wird. In der That macht sich durch den unendlichen 
Formenwechsel, den die Natur im Piianzenreiche entfaltet, doch stets 
diese Tendenz nach konoidischem (üammenförmigem) Abschlusse bemerkbar. 
Noch schwerer fasslich und verwiekelter als bei der Pflanze zeigt 
sich das Gesetz der Proportion in dem Reiche der animalischen Natur. 
1 Nur theilweise, weil die Organe der Pflanze und ihr gegenseitiges Ver- 
halten zunächst allerdings durch ihre Bestimmungen, als Werkzeuge der Er- 
nährung und Fortpflanzung, bedungen sind.
        

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