Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1671620
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Viertes 
Hauptstück. 
Geräthe oder Theile desselben beigelegt werden vortrefflich zu 
gebrauchen. 
Die ornamentale Form, die sie schon als religiöse und 
kosmogonische Symbole erhielten richtete sie zu diesem Ge- 
brauche vor. Es mag dahin gestellt bleiben 0b nicht ihr 
Charakter als Symbole tendenziöser Art, nämlich als bedeutungs- 
volle Zeichen für Ideen die mit dem nächsten Zwecke und der 
Konstruktion der Geräthe nichts zu schaffen haben sondern sich 
auf ausser diesen Liegendes beziehen, zuerst ihre Einführung 
in den Forrnenkreis der technischen Künste vermittelt hatte; jedem 
falls führte dann der natürliche Kunstsinn unwillkürlich auf ihre 
richtige Verwerthung in dem andern früher bezeichneten Sinne, 
Die assyrischen Kunstgeräthe sind desshalb eben so überaus 
interessant, weil wir den Doppelsinn dieser Symbole noch an 
ihnen herauslesen. Die freie Kunst hat sich an ihnen noch nicht 
aus dem Ornamente abgelöst, letzteres behält dafür höhere Be- 
deutung als die des einfachen Zierraths. 
Die hellenische Kunst dagegen spaltet diesen Doppelsinn und 
weiset jeder Hälfte die ihr gebührende Stelle an. Sie fasst die 
ornamentalen Symbole vorzugsweise in struktiv-funktionellem 
Sinne, mit möglichst gemilderter und leisester Anspielung auf 
tendenziöse Bedeutung, die ihnen noch bleibt; der höheren Kunst 
weist sie ihre neutralen Felder an, wo sie, von der Struktur und 
dem nächsten materiellen Dienste des Systemes unabhängig, sich 
frei entfaltet. 
 Der kräftige aber unfreie und niedere Willensausdruck, den 
jene assyrischen Fabelbestien zeigen, macht, wie gesagt, sie be- 
sonders dazu geeignet gewissen zwecklichen Ideen, die ein 
Künstler seinem Werke beilegt, zum Ausdrucke zu dienen. Das 
todte Geräth wird durch die Anwendung dieser Thierformen zu 
einer Art von Person erhoben und individualisirt. Wie das 
Pfianzenornament die Struktur zu einem Organismus um- 
schafft, so erhebt das animalische Ornament den todten Haus- 
rath gleichsam zu einem freiwillig oder unwillig dienenden Haus- 
thiere! Das Möbel wird dadurch dass ich ihm Füsse in Gestalt 
von Löwentatzen oder Rehläuften gebe als ein Gegenstand be- 
zeichnet der nach meinem Willen sich Fortbewegt oder doch be- 
Wegbar ist. Den Grad der Bewegbarkeit den ich ihm beilegen 
will symbolisch zu nüanciren habe ich in meiner Hand! Die
        

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