Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1667639
XXXI 
Während die Pllanze als Ganzes eigentlich nur für das Auge sym- 
metrisch, aber in Wirklichkeit eurhythmisch ist, tritt die faktische Sym- 
metrie in sehr lehrreicher, wenn schon im Einzelnen schwer zu lösender 
Gesetzlichkeit an den einzelnen Theilen der Pflanze auf. 
Ein Ast wachse rechtwinklicht (ohne Neigung gegen den Horizont) 
aus dem Stamme hervor, er sei verzweigt, und die Zweige laufen in 
Blätter aus, die farrenkrautartig getheilt sind, deren Theile wieder aus 
kleineren Blättern bestehen, so vorräth sich an diesen verschiedenen 
Theilen des Baumes, wenn man jeden Theil als ein Gesondertcs, als 
Individuum nimmt, die Abhängigkeit vom Ganzen in der symmetrischen 
Anordnung ihrer Untorglieder. 
Für den Ast, als Ganzes betrachtet, ist der Stamm zunächst das 
Gleiche was für den Stamm die Erde ist, nämlich der nächste makro- 
kosmisehe Bezug, der sich in der Gleiehvertheilung der Verzweigungen 
und der Laubmassen des Astes in Rücksicht auf den Stamm zeigt. Zugleich 
findet ein unmittelbarer Bezug des Astes zu dem Erdmittelpunkte statt, 
dem er in der Anordnung und Massenvertheilung seiner Unterglieder gleich- 
zeitig Folge leisten soll. Bei horizontalen Verästungen ist in F olge dieser 
Doppelbedingung die erfüllt werden muss die Massenvertheilung nicht mehr 
eurhythmiseh (rings um den Ast herum), wie bei dem Hauptstamme, der nur 
einfachen Bezug zum Mittelpunkt der Erde hat, sondern symmetrisch, 
mit horizontaler symmetrischer Axe, die den Ast rechtwinklicht schneidet. 
Bei den Zweigen, Blättern und Blatttheilen, wenn man jedes für sich be- 
trachtet, ist überall das gleiche dynamische Gesetz thätig; wonach immer 
der nächste Bezug zu dem, aus welchem das Einzelne unmittelbar hervor- 
wäehst, und der allgemeine Bezug zur Erde, vermöge der Massenattraktion 
und der Schwere, die Gestaltungsmomente der Symmetrie sind.' Alle 
diese Theile haben jeder nur eine symmetrische Axe, die immer hori- 
zontal und reehtwinklieht auf dasjenige gerichtet ist, worauf der Theil zu- 
nächst wurzelt. Die Symmetrie des Blattes z. 4B. projectirt sich als Linie auf 
einer Durehschnittsebene, die den Stengel rechtwinklicht schneidet und 
mit dem Hauptstamme (der senkrecht ist) parallel läuft. Gleieherweise 
ordnen sich viele Blätter je nach dem Charakter der Pdanzen ver- 
schiedentlich, aber immer s ymmetriseh um den Zweig und zwar 
gleichfalls nach horizontal linearisehem Gleiehgewiehtsgesetze. Es folgt 
daraus, dass der Zweig mit seinem Blattwerk eine Fläche bilden muss, 
gleich dem Blatts. 
Alle mehr horizontal verzweigten Bäume, z. B. die Ceder, die Akazie 
1 Dieses Gesetz tritt besonders deutlich hervor an den Pflanzen der Ur- 
welt und ihren noch lebenden Abkümmlingen, den Farren, Schachtelhalmen, 
Palmen und dergL, wogegen die späteren Metamorphosen des Pflanzentypus 
statt der Symmetrie des Oefteren Massengleichgewicht zeigen.
        

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