Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1671300
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Hauptstück. 
Viertes 
Das Räthselhafteste ist nun die Art des Brennens die dabei 
Statt fand. Meiner Ueberzeilgung nach musste man die auf ebe- 
nem Boden geordneten und numerirtenl ungebrannten Ziegel, 
nachdem sie als gemeinschaftliche Bildfläche gemalt werden wa- 
ren, auseinander genommen und in gleicher Ordnung wieder zur 
Bekleidung der Lehmmauern vertikal zusammengefügt haben, 
Als hierauf die Wand, nämlich die ganze innere oder äussere Be. 
kleidung eines Raumabschlusses, aufgeführt war, musste man ihr 
eine Gluth nahe bringen, die hinreiehte die sehr leichtflüs- 
sige Glasurfarbe in Schmelz zu verwandeln und zugleich der 
Wand aus Lehmziegeln eine dünne Terrakottakruste zu geben. 
Es fand eine Enkausis im eigentlichsten und vielleicht ältesten 
technischen Sinne dieses Ausdrucks Statt und die Wasserglas ähn- 
liche, leichtHiissige, Kieselverbindung womit man malte war in 
der That selbst nach ihren chemischen Eigenschaften dem in der 
späteren Enkausis angewandten Wachse ein äusserst nahe ver. 
wandter Stoff. 2 Die Wachsemaille wurde wahrscheinlich erst er- 
funden und benützt für Stoffe, die starkes Feuer nicht ver- 
trugen, für Elfenbein, Marmor und dcrgL, und bedurfte für das 
leicht verbrennliche Holz noch einer ganz besonderen Her- 
stellungsweise, bei der das Wachs vorher geschmolzen und flüssig 
gemacht, oder auch in flüchtigen Oelen aufgelöst, als Bindemittel 
der Farben und Ueberzug mit dem Pinsel aufgetragen ward. Viel. 
leicht war die allerältcste Enkausis die des Erdpeches und ward 
man erst von dieser auf das Emailliren der Ziegel geführt. 
Obige Hypothese über das Glasiren ganzer bereits mit Malerei 
überzogener Luftziegehvände und dadurch erreichtes oberfläch- 
liches Erhärten der Thonmasse durch Feuer hatte ich in meiner 
kleinen Schrift "die vier Elemente der Baukunst" sowie in verschie- 
denen in englischer Sprache erschienenen Aufsätzen bereits vor 
mehreren Jahren ausgesprochen. Nicht wenig war ich später über- 
rascht sie durch babylonischc Urkunden, deren Entdeckung und 
Mittheilung wir dem um die Erforschung der orientalischen Alter- 
1 Die zu Nimrud gefundenen emaillirteu Ziegel waren alle auf der hin- 
tern Seite gezeichnet und numerirt, welchen Umstand Layard sich nicht er. 
klären konnte. Durch die im Texte ausgesprochene Hypothese ist er voll- 
ständig motivirt. 
2 Vergl. Döbereiners Aufsätze über das Wasserglas in verschiedenen Zeit- 
Schriften unter andern in der Gartenlaube.
        

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