Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1671111
Textile 
Kunst. 
Chaldäa. 
335 
Unsere Vorstellungen dessen was das Wesen dieser ver- 
schollenen Baukunst ausmachte bleiben natürlich fast so formlos 
wie jene durch die Jahrtausende, die darüber hinweggingen, ab- 
geschliffenen Backsteinhügel selbst; am wenigsten wissen wir von 
der architektonischen Ordonnanz, die diese einstmals belebt und 
geschmückt haben musste, und können wir nur aus der Analogie 
der späteren Werke in assyrischem, neubabylonischem und persi- 
schem Stile eine Vermuthung über sie schöpfen; denn was derar- 
tiges gefunden ward, z. B. die Cylinderdekoration der Wände mit 
den Nischen und Wandvertiefungen, lässt sich nicht wohl mehr zu 
einem Ganzen vereinigen das Form bekäme, auch ist dessen 
Ursprünglichkeit, als der altbabylonischen Periode angehörig, 
nicht erweislieh, so wenig wie die jener merkwürdigen Bruchstücke 
einer korinthisirenden Ordonnanz aus Stuck innerhalb der Grab- 
kammer zu Wurka. Wir dürfen uns daher nur gestatten, an 
ihnen den Grundsatz des Inkrustirens der Mauermassen aus rohen 
oder gebrannten Ziegeln zu constatiren, in einer Ausdehnung 
die gar keine Ausnahme zulässt. Dabei wäre es gut wenn wir 
zugleich nachweisen könnten, welche von den verschiedenen In- 
krustationsmethoden (nächst dem Urteppiche, dessen Priorität ich 
nach dem Vorangesehickten voraussetzen darf) die ursprünglichste, 
mithin für die folgenden zunächst stilbedingende sei. 
Wir wissen aus den biblischen Schriften sowie aus den Profan- 
Schriftstellern dass die Babylonier sich des Bitumen als Binde- 
und Bekleidungsmittels ihrer Mauern und selbst ihrer Holzkon- 
struktionen bedienten, aber wir lesen auch von eben so frühen 
und früheren Werken, die mit Gyps und Kalk gemauert und 
bekleidet waren. Dieses Material wurde bei dem Baue des 
Thurmes von Babel benützt. Die Finger Gottes schrieben das 
Verdammungswort auf den Gyps der Wand des Königspalastes. 
Asphalt war in Chaldäa, dem Mutterlande der Gesittung von 
der wir sprechen, nicht eigentlich heimisch; dieser Stoff ward 
später adoptirt wie die (Jivilisation bereits den Strom aufwärts 
gerückt war; die Rohrmatten mit heraushangenden Tressen zwi- 
schen den Lehmziegelschichten endlich, (wir wissen diess von 
Entstehung dieser alten über Asien zerstreuten Burghöhen unbekannt; sie 
werden allgemein Werke der Semiramis genannt, jener räthselhaften Figur, 
welche für Asien die Stelle des Herakles des mythischen Gründers aller kykl- 
opischen Burgen und Mauern in Hellas vertritt.
        

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