Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1670977
Textile Kunst. 
Exkurs. 
Tapezierwesen 
Öer Aiten. 
321 
vidualisirten Gedanken steht. Sein Massstab ist nicht der Fuss 
sondern der Modulus oder sonst irgend eine ihm selbst ange- 
hörige Einheit. Es bedarf also zwischen dem Monumente antiker 
Art und dem Menschen, der seinen Fuss hier nicht unmittelbar 
anzulegen vermag, einer dritten massgebenden bekannten Einheit 
um das Harmonische, Absolute, das an sich weder gross noch 
klein ist, als relativ gross oder klein zu kennzeichnen. 1 
Aus diesen Gründen erklärt es sich dass die Kirchenfeste und 
der dabei übliche Apparatus in gothischen Kirchen stets künst- 
lerisch ungenügend, oft entschieden störend, nicht selten sogar 
lächerlich wirken. Ich habe deren im Mailänder Dome, in Notre- 
dame de Paris, auch in der Frauenkirche zu München beige- 
wohnt und von allen nur ein zerfetztes und wüstes Bild in der 
Erinnerung behalten, tuchbeschlagene Bündelpfeiler, herab- 
hangende lange Draperien zwischen den letzteren als wäre das 
Gotteshaus ein Blaufärbertrockenboden, Balkons, Baldachine, 
Scherwände im Spitzbogenstil und dergleichen Absurditäten. 
Nach den Abbildungen zu schliessen mussten die Sacres in der 
Kathedrale zu Rheims in dieser Beziehung alle Grenzen des Ge- 
schmacklosen überschreiten.  Das beste Auskunftsmittel bleibt 
meines Erachtens, wenn man in die Lage kommt ähnliche Ein- 
richtungen zu treffen deren häufiges Misslingen von der Schwie- 
rigkeit der Aufgabe den Beweis gibt, sich gar _nicht spitzbögig 
zu geriren, sondern den antiken Gebrauch des Bekleidens der 
Monumente auch auf antike und zugleich naturgemässe Weise 
durchzuführen, das Temporäre, dem Zeitmoment Angehörige, 
nicht dem Stile des Monuments, sondern dem Stile der Zeit ge- 
mäss einzurichten, wobei allerdings das spezifisch Heterogene 
möglichst wegzulassen, das allgemein Prinzipielle allein beizube- 
halten ist. Mich dünkt die alten Bilder aus der gothischen Zeit, 
Miniatürcn sowie Oelbilder und Fresken, die gar häufig Dar- 
stellungen drapirter Räume enthalten, müssten beweisen dass 
damals gerade auf die von mir vorgeschlagene Weise verfahren 
wurde, wo es sich um derartige Festapparate handelte. Bei 
Wohnräumen und überhaupt in dem Civilbaue verliert der go- 
thische Stil seine Sprödigkeit, ja er existirt eigentlich gar nicht 
prinzipiell sondern nur in dekorativem Sinne in allem Ausser- 
1 Weiteres darüber im zweiten Theile: gothischer Stil. Vergl. 
Duo Dictionaire d'Architecture Franqaise etc. (Artikel Architecture.) 
Scmper. 41 
10 
Violet
        

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