Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1670969
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Viertes 
Hauptstück. 
treten. Wie die Wände des delphischen Tempelvorhauses ist 
dann in dem Schiffe der Basilika des Apostelfürsten und ausser- 
halb des Heiligthums mit jenen Tapeten der Weg den die Krö- 
nungsprozession nehmen wird umstellt. Durch sie erst erhält die 
grossartige Ordnung der Säulen und Pfeiler des Tempels ihren 
richtigen Massstab, die gewundene Kolonnade des Vorhofes ihre 
wahre Bedeutung, wenn die Verhältnisse der stehenden Archi- 
tektur über der düstergesättigten Farbenpracht der Teppichwand 
'majestätisch hinausragen und sich in dem Nebel des Weihrauchs 
verlieren. Von allen Palastfagaden, von allen Balkons senken 
sich dann die Prachtdecken herab, mit denen jedes Patrizierhaus 
als Familienerbe für-diese" Bestimmung ausgestattet ist und deren 
eingewirkte Bilder nicht selten zu der Geschichte des Hauses in 
Bezug stehen. Auch Gemälde, ganz nach antiker Weise, werden 
herumgetragen, lund es ist bekannt wie die grössten Meister es 
nicht verschmähten zur Verherrlichung dieser kirchlichen Feste 
durch ihre Kunst dadurch mitzuwirken dass sie derartige Pm- 
zessionsbilder malten. 1 
Es ist für den gothisehen Baustil bezeichnend dass er weit 
weniger als jene antike Architektur der alten Basiliken oder auch 
die erneuerte klassische Baukunst der Renaissance die Aus- 
schmückungen der heiligen Räume durch Einbaus begünstigt und 
seinerseits auch keineswegs durch diese in seiner Wirkung ge- 
hoben wird. Der Grund liegt zum Theil darin dass die hori- 
zontalbegrenzten Wände der Tapete dem emporstrebenden und 
spitzen Prinzipe dieses Stils nicht homogen sind; zudem will der- 
selbe nichts von Bekleidung wissen, da sein Element eben das 
nackte Erscheinen der funktionirenden Theile ist, da er wie der 
geharnischte Seekrebs sein Knochengerüst zur Schau tragen und 
es zugleich in seiner Thätigkeit hervortreten lassen soll. Auch 
bedarf dieser Stil zwischen sich und dem Menschen keines dritten 
Massstabes, da dieser für alle Theile und für das Ganze des 
gothischen Baues vom Menschen und seinen Verhältnissen ent- 
nommen ist, da er schon ein ausser dem Werke liegender ist, 
wo hingegen der antike Baustil seinen Massstab in sich hat, und 
nicht in Beziehung zu dem Menschen, sondern in Beziehung zu 
sich selbst und dem in ihm enthaltenen, durch ihn formell indi- 
l Nach einer Künstlerlegende soll Raphael viie sixtinische Madonna, 
schönste Schöpfung, für diesen Zweck in kürzester Frist gemalt haben. 
seine
        

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