Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1667551
XXIII 
Der Zauber der durch die Kunst in ihren verschiedensten Arten und 
Manifestationen auf das Gemüth wirkt, so dass dieses gänzlich durch das 
Kunstwerk eingenommen wird, hcisst Schöne, die nicht sowohl Eigen- 
schaft des letztern als vielmehr eine Wirkung ist, bei der die ver- 
schiedensten Momente innerhalb und ausserhalb des Objektes, dem das 
Prädikat der Schöne beigelegt wird, gleichzeitig thätig sind. 
Diese Momente, wo sie nicht von dem schönen Objekte selbst aus- 
gehen, müssen sich doch in ihm retlektiren, seine besondere Gestaltung 
bedingen. 
Zudem müssen diese Momente aus dem Gesetze der Natur hervor- 
gehen und ihm entsprechen, denn obschon es die Kunst nur mit der 
Form und dem Scheine, nicht mit dem Wesen der Dinge zu thun hat, 
so kann sie dennoch nicht; anders als nach dem was die Naturerschei- 
nung sie lehrt ihre Form schaffen, sei es auch nur durch Befolgung des 
allgemeinen Gesetzes, welches durch alle Reiche der Natur weitet, indem 
es hier unentwickclt, dort in ausgebildeter Form hervortritt.  
Am klarsten und ersichtlichsten tritt diese Analogie zwischen dem 
allgemeinen Gestaltungsgesetz in der Natur und in der Kunst, in dem 
was die spekulative Aesthetik die formellen Elemente des Rein-Schönen 
nennt, hervor. 
Eine Erscheinung kann nur dadurch sich als solche manifestiren, 
dass sie sich abschliesst, dass sie sich als Individuum von dem A11- 
gemeinen lostrennt. 
 Aber dieses Lostrennen vom Allgemeinen ist nur auf den ersten 
Stufen der Gestaltung ein absolutes, die entwickelteren Formen der Pflan- 
zen und des animalischen Reiches dagegen sind dadurch ausgezeichnet, 
dass sich die Beziehung zum Allgemeinen, worauf sie wurzeln und fussen, 
und zum Besonderen, das sich ihnen als objectiver oder subjektiver 
für letzteres keinen fnrlnalen Halt und quantitativen hlassstab abgibt, welches 
beides dem Kunstgebilde, in demjenigen was ausser ihm erscheint, zu Theil 
wird. Somit bleibt stets die Wissenschaft unvollständig und als Form unab- 
geschlossen; nicht das Wissen. sondern nur das Streben darnach befriedigt. 
Dagegen wird in der Kunst das Höchste, so lange es ein nicht genügendes 
Können und unerreichten Wollen verriith, hinter dem Beschriinlctesten zurück- 
treten müssen, wenn dieses als das vollständig erreichte Ziel einen künstlerischen 
Strebens der Vollkommenheitsidee, die jedem Werke der Kunst zum Grunde 
liegt, entspricht. Beide, Religion und Philosophie, verlassen ihr Gebiet, geben 
sogar ihr eigentliches Wesen auf, indem sie die Kunstform annehmen, welche 
yerbinduug der drei Manifestationen des geistigen Strebens jedoch die für 
das künstlerische Schaden günstigsten Verhältnisse bietet, was bei den Grie- 
chen der Fall war.
        

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