Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1670625
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Hauptstück. 
Viertes 
Das älteste Vorkommen einer monumentalen Vorrichtung zu 
der Aufnahme von Velen sind die gigantischen isolirt stehenden 
Säulen, welche eine Gasse bildend den grossen Vorhof des Tem- 
pels zu Karnak in Theben in der Mitte durchschnitten und von 
denen noch einige aufrecht stehen. Ihre Bestimmung ergibt sich 
aus den Wandmalereien dieses 948 Jahre vor unserer Zeitrechnung 
gebauten Tempelvorhofs, worauf ganz ähnliche Säulen mit einem 
Aufsatze abgebildet sind und ihre Bestimmung, ein prachtvolles 
Himmeldach aus Stoffen zu stützen, verrathen. Wir werden auf 
dieselben zurückkommen und zeigen welche Bedeutung sie in 
der Stilgeschichte ägyptischer Baukunst einnehmen. 
Die Parapetasrnen der römischen Atrien und Peristile be- 
standen aus den reichsten Stoffen, oft aus Purpur, Waren wie 
jenes im Ion geschilderte mit Himmelszeichen, dem Sonnengotte, 
der Eos, der Iris und anderen den Uranosl bezeichnenden Bil- 
dern bestickt oder wenigstens mit Sternen übersäet, und wurden 
in malerischer Drappirnng und mit reichstem Faltenwurfe über 
den Säulen durch seidene oder goldene vollbequastete Schnüre 
befestigt. Dieses ergiebt sich deutlich aus vielen der schönsten 
Wandgemälde aus römischer Zeit. 
Die Parapetasmen der Atrien werden von Vitruv interpensiva 
genannt, denn so muss der Ausdruck verstanden werden, wenn er 
im dritten Kapitel des sechsten Buchs den Nutzen der Stützsäulen 
der Atrien hervorhebt, die gestatten, die Unterzüge leichter zu hal- 
ten, da sie die Last der aufgehängten Decken nicht zu tragen hätten. 
Der Ausdruck ninterpensiva" diente auch in spätrömischer 
Zeit zur eigentlichsten Bezeichnung derjenigen Velen und Decken, 
die zur Beschattung der Strassen und Passagen aufgehängt wur. 
den. Dieser Gebrauch, der in dem luxuriösen theodosischen Zeit- 
alter auf asiatische Weise allgemein wurde, war auch schon in 
früher Zeit bei den Griechen bekannt, obschon er als Zeichen des 
verweichlichten Luxus galt. So berichtet Timäus von den Sybariten 
dass sie die Wege, die zu ihren Villen führten, bedeckten. Viel- 
leicht waren diese Lauben der Sybariten, nach Art der persischen 
Strassen, durch konstruirte Decken (6602 uoerddrayot) beschattet. 2 
1 Artaxerxes schenkte dem Timagoras unter anderen Gegenständen "ein bunt- 
gesticktes Himmelszelt." (duvjvm: oügowögoqaov 0114711111111.)HeraclidesinAthenII. 31. 
2 Timaeus in Athenaeo. XII. 17. (c. 3. pag. 519. ed. 02m). Cßite ä Flan- 
di" Voyage 611 Ferse.
        

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