Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1670607
284 
Hauptstück. 
Viertes 
Das Eingehen in diese wichtige Frage ist hier freilich noch 
nicht am Orte, jedoch sei noch erwähnt wie bis in das Mittel- 
alter hinein im östlichen und westlichen Europa das Freilassen 
der Interkolumnien gar nicht Sitte war. Des Anastasius Biblio- 
thecarius Lebensbeschreibungen der Päbste wimmeln von Stellen 
die dieses beweisen; z. B. liess Sergius (a. C. 687) vier weisse 
und vier scharlachnc Vorhänge (tetravelia) für den Umgang deg 
Altares der Basilika St. Peters machen. Johann der 6. (701) 
machte zwischen den Säulen des Altares, rechts und links, 
weisse Vorhänge. St. Zacharias machte in der Kirche St. Peter 
und Paul hängende Teppiche zwischen den Säulen des Mittel- 
schiffs (742). _Stephan IV. machte neben dem Haupteingange der 
Basilika St. Peters Vorhänge von Silbergewebe von bewunderns- 
würdiger Grösse. Derselbe stiftete für sämmtliche Arkaden der- 
selben Kirche aus tyrischen und gemusterten Stoffen (de palliis 
Tyriis atque fundatis) fünfundsechzig Vorhänge (im Jahre 768) 
u. s. w. 
Derselbe Gebrauch War auch in Frankreich 1 England und 
Deutschland allgemein, und dauerte fort bis ins 12. und 13. Jahr- 
hundert, d. h. bis zur Einführung des neuen gothischen Baustils. 
Die reformirten Mönchsorden, besonders der Orden von Cluny 
eiferten gegen diesen Luxus der Kirchenparamente, der später nur 
noch für festliche Gelegenheiten gestattet War. 
Noch ursprünglicher und vollständiger erhielt sich der antike 
Gebrauch im Osten, woselbst er niemals abgeschafft worden ist? 
Das Gesagte betrifft die Sitte des Verhängens und Abschliessens 
der Räumlichkeiten durch vertikale Vorrichtungen des Tapeziers, 
in Verbindung mit den eigentlich architektonischen Theilen des 
worden. Müller wagt nicht deren Anwendung zu bestimmen (Archäol. 157. 2). 
Sollten sie nicht gemalte Relieftafeln oder nach Umständen blosse Gemäldg 
bezeichnen, die nach Art der Draperieen oder Storen die Interkolumnien der 
Stoen bis zu einer gewissen Höhe ausfüllten? Wollte man nicht starr an 
dem materiellen Begriffe des Wortes pinakion festhalten, so liessen sich 
jedoch auch jene Flachreliefs der Säulen Trajans und Antonins Säulenbilder 
(stylopinakia) nennen. 
1 In den miraculis Sti Benedicti liest man dass 1095 die Kirche von Fleury 
S11! Loire mit vielen Teppichen geschmückt war. (D'Achery Spicileg). Vgl. auch 
Gregor von Tours passim.  
2 Ch. Müller. Commentatio historica de genio moribus et luxu aevi Theo- 
dosiani p. 122. f,
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.