Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1670564
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Viertes 
Hauptstück. 
verstehen zu müssen. Besonders glänzende und effectvolle An- 
wendung fanden die Katapetasmata, Peristromata und Au- 
läen, wenn sie zwischen den Säulen der Peristile und Stoen 
aufgehängt oder ausgespannt waren, zum Schutze gegen Kalte 
und Regen von der Wetterseite, für den Schatten von der 
Sonnenseite, vornehmlich aber für den Zweck des Abschliessens 
und als Ausstattung, als nothwendiger ornatus der Galerieen. 
Man darf sich eigentlich keine Säulenhalle denken die dieses 
nothwendigen Schmuckes entbehre, der bald in natura als rei- 
cher buntgestickter oder gewebter Stoff, bald in monumentaler 
Metamorphose als konstruirte Scherwand, als Diaphragma, zwi- 
schen oder vor den Säulen sich spannt. Wir haben ein sehr be- 
kanntes Zeugniss von der Weise wie zu Artaxerxes Zeit die Säulen- 
Zwischenräume des Palastes zu Susa mit Teppichen verhangen 
wurden. Der König bewirthet das Volk in seinem Gartenpaivillon. 
„Da bangen weisse rothe und gelbe Tücher, mit linnenen und 
scharlachnen Seilen gefasset in silbernen Ringen auf Marmor- 
säulen. Die Bänke waren Golden und Silbern auf Pflastern (oder 
vielmehr Sockeln) von weissen, grünen, gelben und schwarzen Stei- 
nen gemacht." (Esther I. 6.) Noch älter sind freilich die hebräischen 
Berichte von der Pracht der Teppichbehänge an der Stiftshütte 
und dem Tempel Salomons, von denen später die Rede sein wird. 
Wunderbares erzählt auch der zwar späte Schriftsteller Philo- 
stratus, der aber sicher aus alten Quellen zusammentrug, von der 
Pracht der Bekleidung babylonischer Königspalaste: 
„Sie sind mit Erz bedeckt, so dass sie strahlen. Die Ge- 
"mächer, Männersäle und Stoen sind theils mit Silber- und Gold- 
Stockwerke des reich verzierten Proscenium ragten darüber hinaus und ihre 
Wirkung wurde durch das Verstecken der Basis nur noch verstärkt. Dieses 
Moment der Wirkung war den Alten sehr geläuiig, sie wandten es überall an, 
wir dagegen können das Sinnvolle einer solchen Anordnung nicht begreifen 
und glauben dasiMonument recht nackt hinstellen, nichts davon verstecken 
zu müssen, damit es wirke. 
Ich habe bei der in Scene Setzung der Antigene des Sophokles, womit 
ich vor längerer Zeit in Dresden beauftragt war, ein Siparium nach römischem 
Vorbilde aus dem Fussboden emporsteigen lassen, über dem die Dekoration 
der Scene, in polychromer Weise durchgeführt, eine Wirkung machte bei der 
das Publikum gar nicht fragte, ob die antiken Tempel auf ähnliche Weise 
gemalt gewesen seien. Man vergass ganz eine auffallende Abweichung von 
der-traditionellen Anschauung der Antike vor sich zu haben. Kein zweifeln- 
der Kritiker liess sich darüber aus.
        

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