Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1667523
 Bei alledem übt die spekulative Aesthctik einen bedeutenden Einfluss 
auf unsre Kunstverhältnisse, wie diese einmal sind; zunächst durch die Ver- 
mittlung der sogenannten Kenner und Kunstfreunde, die sich durch sie und 
nach ihr ein auf reine Willkühr begründetes schematisch-puritanisches 
Kunstregiment erwarben, das dort wo es durchzudringen vermochte eine 
traurige Verödung der Kunstformenwelt veranlasste. So zeigt eine gewisse 
süddeutsche Architekturschulc, in der sich die materialistisch konstruk- 
tive Richtung mit dem ästhetischen Puritanismus vereinigt, bei lobens- 
werthen Erfolgen auf dem Gebiete des Nutzbaucs, die Unzulänglichkeit 
ihrer Mittel, so wie es sich um wahre monumentale Kunst handelt. Diese 
Mittel, um welche moderne Principiensucht sich selbst gebracht hat, sind 
zum grossen Theile nur irrthümlich als Erfindungen der Perioden des 
Verfalls der Künste, als absolut geschmackswidrig, oder als antikonstruk- 
tiv bezeichnet und unter dieser falschen Anklage verurtheilt worden. 
Unter ihnen sind in der That älteste Ueberlieferungen der Baukunst, 
welche durchaus der Logik des Bauens, allgemein der des Kunstschaßens, 
entsprechen, und die ihren symbolischen Werth haben, der älter als die 
Geschichte und durch Neues gar nicht ausdrückbar ist. Dieses zu be- 
weisen wird die Schrift, selbst mehrfache Gelegenheit bieten. 
 Eine andre Rückwirkung der spekulativen Philosophie auf die Künste 
zeigt sich in_der ikonographischen Tendenz- und Zukunftskunst, der Jagd 
nach neuen Ideen, dem Gepränge mit Gedankeufiille, Tiefe und Reich- 
thum der Bedeutung etc. etc. 
Dieses Anrufen des nicht künstlerischen Interesses, dieses Tenden- 
zeln (dem die Kunstextase und die oft lächerliche Deutesucht von Seiten 
der Kunstkenner und Archäologen würdig antwortet) sind bezeichnend 
entweder für die Barbarei oder für den Verfall; die Kunst auf ihrer 
höchsten Erhebung hasst die Exegese, sie vermeidet daher aus Ueberlegung 
das Hervortreten derartigen Wollens, verhüllt dasselbe hinter den allg-e- 
meinsten rein menschlichen Motiven und wählt mit Absicht die einfachen 
schon bekannten Vorwürfe, betrachtet diese, gerade so wie den Stoß) den 
Thon oder den Stein, aus dem sie schafft, lediglich als Mittel zu einem 
Zwecke der sich selbst genügt. 
Den Himmel erschuf ich aus der Erd' 
Und Engel aus Weiberentfaltung, 
Der Stoff gewinnt erst seinen Werth 
Durch künstlerische Gestaltung!
        

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