Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1667515
in die Idee, in dem Zergliedern desselben und dem Herauspräpariren des 
BegriiYskerns aus ihm. 1 
Also auch von dieser Seite sieht sich die Kunst isolirt und auf ein 
ihr besonders abgestecktes Feld verwiesen.  Das Gegentheil von vor- 
mals,  denn bei den Alten wer auch dieses Gebiet in demselben Reiche 
gelegen wosolbst die Philosophie waltete, die selbst Künstlerin war und 
den andern Künsten als Führerin diente, aber mit diesen ergreisend zur 
Seheidekunst ward, und an Stelle  
gorieen erfand. 
Eben so war der gothisehe Bau die lepidarische Uebertragung der 
scholastischen Philosophie des 12. und 13. Jahrhunderts. 
Item mit kunstanatomischen Studien ist den Künsten nicht gedient, 
deren Gedeihen davon abhängt dass beim Volke das Vermögen des ungetheil- 
ten unmittelbaren Kunsternpiindens und die Freude daran wieder erwache. 
1 ,._Die spekulative Aesthetik, die vorzugsweise gepflegt wird, ist für die i_ 
"Bildenden und Bauenden fast eben so unfruchtbar wie für die Beschauendeu  
"Schädlich. Es fehlt dieser Aesthetik an konkretem Verständniss des Schö-  
"neu, sie hat zwar viel Kunstrhetorik aber wenig Kunstempiindung verbreitet.  
"Eine Ableitung des Formellschönen gelingt ihr nicht; sie muss sich in deri 
"Regel damit begnügen, aus der vollen Traube nur den abstrakten Schnaps des l 
"Gedankens abzudestilliren. 
..Seit die Kunst unter diese spekulative Aufsicht gestellt worden ist. ist 
"weder der Sinn für schöne Raumerfüllung neubelebt noch sind die Nerven 
"für die vis superba formae crnpfänglicher gestimmt worden. Das unmittelv 
"bare anschauende Denken wird durch diese Aesthetik in keiner Weise geför- 
"akiiiii." _An der Unfähigkeit so vieler Menschen das Schöne als solches rein 
"zu geniessen findet sie eine grosse Stütze. Sie hilft dieser Unfähigkeit 
,.nach. indem sie das für das Auge bestimmte für das Ohr übersetzt, die 
"Kunst in Nichtkunst. die Formen in Begriffe, das Vergnügen am Schönen in 
"Gott weiss welches Vergnügen, und Scherz und Humor der Kunst in pedan- 
"tischen Ernst umwandelt.  Wenn aber Form, Farbe, Quantität, um sie 
"recht zu empünden, erst in der Kategorieenretorte Qublimirt werden müssen. 
"wenn das Sinnliche als solches keinen Sinn mehr hat. wenn das Leibliche. 
"wie in dieser Aesthetik, sich erst entlciben muss, um seinen Reichthum auf- 
"zuschliessen,  geht da nicht für die Kunst der Grund selbstständiger Exi- 
„stenz zu Grunde? 
"Auch über die Kunstjournale. die mehr oder weniger das Echo der speku- 
"lativ-ästhetischen Handbücher sind , wäre Manches zu bemerken. Auch sie 
"leisten dem stoßlichen Interesse mehr Vorschub als gebiihrlich. Das Was 
„dominirt auch in ihnen das Wie. das Meinen das Erscheinen.  
"So erinnert die spekulative Aesthetik in manchen Beziehungen an dio 
„Naturpl1ilosophie. Wie diese die exakte Forschung wird jene die empirische 
"Aesthetik zur Nachfolgerin haben." 
Worte eines Dichters und Kunstkenners.
        

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