Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1670248
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Viertes 
Hauptstück. 
Dem Stile nach ursprünglicher als jene gewirkten und reich 
gemusterten Damaste und Brokate und für unsere Frage von 
höchstem Interesse sind die Stickereien, die zu Bekleidung 
der Wände oder gewisser Wandfelder in Prachtgemäehern in 
Anwendung kommen. Die älteste Statistik Chinas und der Welt 
aus den Zeiten der Hias, deren Autenticität und Ursprung aus 
jener frühen Periode (2205 vor Christus) verbürgt ist, 1 führt die 
Producte der einzelnen Provinzen des Reiches auf, worunter Gold, 
Silber, Kupfer, Zinn, Stahl, Eisen, Elfenbein, edle Steine, Perlen, 
Perlemutter, kostbare Hölzer, Firnisse, fünf Sorten Erdfarben, 
Felle, Pelze, Rohseide, Flachs und Baumwolle, Webereien aus 
diesen Stoffen, Goldschmieds- und Juwelierarbeiten und Federn 
von Berghiihnern und andern Vögeln. 
Die Stoffe sind sämmtlich als einfarbig bezeichnet, rothe, 
schwarze und weisse Seidenstoffe aus Ser, schwarze und rothe 
aus der Provinz King; man kannte damals also noch nicht die 
Buntwirkerei; dagegen deuten die häufig genannten Federn deut- 
lich auf ihren Gebrauch hin, nämlich zu Stickereien. Die Platt- 
stickerei, die Licblingsarbeit der Chinesinnen noch heutigen Ta- 
ges, war damals noch opus plumarium im strengen Sinne des 
Wortes. Die Stickerei vertrat die Stelle der Malerei und 
war älter als diese, wenn man mehr als einfachen Anstrich, 
eine Art Composition in Farben auf Flächen ausgeführt unter 
diesem Ausdrucke versteht. Diess ist so gewiss wie dass Holz- 
getäfel und Papiertapete an Wänden späteren Ursprungs sind als 
Draperie und gewebte Wandbekleidung.  
Die älteste chinesische Buntstickerei war also Plattstich, auf 
dem Grund farbiger Stoffe mit Federn ausgeführt. Das Charak- 
teristische dieser Federstickerci nun ist die flache Erhab en- 
heit des Dessins über der Fläche des Stoffs, eine Art 
polychromes Basrelief, das sie hervorbringt.  
 Dieslen Stil behielt man in China nicht nur bei, wie man sich 
statt der Federn künstlicher gefärbter Fäden bediente, um zu 
sticken, man bildete ihn noch mehr aus, und zwar bis zu einem 
Grade, dass die gestickten Gegenstände wirkliche erhabene Arbeit 
1 In den Reichsannalen, Chu-king genannt, gesammelt von Confucius 
gegen das Ende des 6. Jahrhunderts vor Christus. Vergl. M. G. Pauthier, 
China ou däscription historique, gäographique et littäraire de ce vaste Empire 
etc. Paris 1844. Seite 47. 
        

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